Im RoadBIKE-Test: 16 Carbon-Rennräder um 2.500 Euro

16 Carbon-Rennräder um 2.500 Euro


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RoadBIKE Carbon Rennrad Test 04/2012
Foto: Arturo Rivas
Sie suchen einen Carbon-Renner mit erstklassigem Rahmen und hochwertiger Ausstattung? Das alles zum fairen Preis? Dann werden Sie in der 2500-Euro-Klasse garantiert fündig!
Zu den getesteten Produkten

Carbon-Renner um 2500 Euro zählen deshalb sicher zu den interessantesten Rennrädern überhaupt. Die 16 Probanden in diesem Test zeigen, warum: Mit Ausstattungen auf Shimano-Ultegra-Niveau sind sie funktional über alle Zweifel erhaben und halten jeder Belastung stand. Überhaupt gilt für aktuelle Mittelklasse-Komponenten: Sie können oft mehr als absolute Top-Produkte noch vor wenigen Jahren.

Auch die Gewichte der Räder purzeln immer weiter: Selbst das schwerste Rad im Test bleibt deutlich unter der 8-Kilo-Marke – noch vor 5 Jahren brachten vergleichbare Räder deutlich mehr auf die Waage. Und auch bei der Qualität der Rahmen, dem Herzstück jedes Rennrades, hat sich eine Menge getan!

Viele neue Rahmen

Cube, Focus, Giant, Isaac, Radon, Rose, Trek – sie alle starten mit neuen Rahmen in die Saison. Cube setzt hier gleich eine Bestmarke: 1307 Gramm wiegt das Set aus Rahmen, Gabel und Steuersatz – ein Traumwert, der noch vor wenigen Jahren bei doppelt so teuren Top-Rädern für Aufsehen gesorgt hätte.

Doch das ist nicht die einzige Überraschung im Test: Stevens liegt mit 1343 Gramm für das Xenon-Set nur knapp dahinter. Auch sonst haben viele Rahmen der Carbon-Mittelklasse 2012 abgespeckt: 7 Sets belasten die Waage mit weniger als 1600 Gramm, nur 3 überschreiten die 1,7-Kilo-Marke – ein Wert, den bereits mancher moderne Alu-Rahmen für deutlich weniger Geld unterbietet ...

Doch Gewicht ist nicht alles, auf den Prüfständen im RoadBIKE-Messlabor muss­ten die Rahmen-Gabel-Sets beweisen, ob sie auch konstruktiv überzeugen. Vor allem Canyon, Cube und Stevens punkten mit Steifigkeitswerten im grünen Bereich und zeitgemäßem Dämpfungskomfort.

Schwache Steifigkeiten sind in der Carbon-Mittelklasse inzwischen erfreulicherweise die Ausnahme: Lediglich Axiom fällt mit einem unzeitgemäß weichen Lenkkopf auf, der sich in der Praxis durch unpräzise Richtungswechsel bemerkbar macht.

Für alle anderen Räder im Test gilt: Sie sind so steif, dass Fahrer jeder Gewichtsklasse damit problemlos durchstarten können. Nur wer die Möglichkeit hat, mehrere Räder im direkten Vergleich zu erleben, spürt hier noch nennenswerte Unterschiede.

Die feinen Unterschiede

„Steifigkeits-Monster“ wie die neuen Räder von Giant oder Isaac folgen messerscharf jedem Lenkbefehl – verzeihen aber auch keine Fahrfehler. Wer im Vergleich ein weniger lenkkopfsteifes Modell wie das Cube oder Haibike fährt, spürt deutlich, dass diese Räder weniger direkt folgen. Dafür reagieren sie gelassener auf Lenkfehler – und bieten deutlich besseren Dämpfungskomfort.

Diese wohl bedeutendste Errungenschaft der letzten Jahre ist mittlerweile auch in der Mittelklasse fast selbstverständlich: Kaum ein Rahmen, der Vibrationen und Stöße vom Untergrund noch ungefiltert an den Fahrer weitergibt. Die Ausnahmen im Testfeld, die bei den Messungen der vertikalen Nachgiebigkeit Werte von über 350 Nm/° liefern, könnten durch eine auf Dämpfung optimierte Sattelstütze, dickeres Lenkerband oder einen Lenker mit breiterer Auflagefläche spürbar an Komfort gewinnen.

Der Trend zu mehr Komfort ist bei vielen Testrädern auch an anderen Punkten klar zu erkennen: Fast alle sind auf hohe Laufruhe und eine sicher beherrschbare Lenkung hin optimiert. Davon profitieren nicht nur weniger versierte Fahrer, auch Tourenfahrer auf langen Etappen oder Sprinter im Kampf vor der Ziellinie schätzen eine solche Auslegung. Ein zappeliges, nervöses Vorderrad ist hier mit Sicherheit unerwünscht, verlangt es dem Fahrer doch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ab.

Der Trend hin zu einer gemäßigteren Lenkgeometrie bedeutet indes nicht, dass die Räder im Test keinen eigenen Charakter mehr besitzen. Unterschiede sind hier sehr wohl erfahrbar: Sportliche Fahrer schätzen eine kompakte, eher gedrungene Sitzposition, wie sie etwa auf den Rennern von Cube, Focus oder Isaac einnehmen. Diese Räder fahren sich entsprechend direkter und lebendiger.

Ganz anders Scott und, mehr noch, Specialized: Auf beiden sitzt es sich recht entspannt – ideal für lange Touren oder Marathons. Dazwischen liegen die Allrounder: Cannon­dale, Rose, Stevens, Storck und Trek beschreiten den goldenen Mittelweg, was die Sitzposition und den Charakter der Räder angeht. Auf ihnen fühlt sich fast jeder Fahrertyp wohl.

Es lohnt sich vor dem Kauf also unbedingt, auf den Rädern eine Test­runde zu drehen, die in die engere Wahl kommen. Oder zumindest im Radladen eine ausführliche Sitzprobe zu machen. Dann zeigt sich meist schnell, ob ein Rad „passt“.

Was ist dran?

Natürlich wird auch die Ausstattung die Kaufentscheidung maßgeblich beeinflussen. Hier lautet die gute Nachricht, dass in dieser Preisklasse kaum Mogelpackungen zu befürchten sind: An fast allen Testrädern prangt eine komplette Ultegra-Gruppe, nur selten in Kombination mit einer für den Hersteller günstigeren, aber nicht zwingend schlechter funktionierenden Kurbel eines anderen Zulieferers. Was auffällt: Nur Canyon montiert Campagnolos hervorragende Chorus-Gruppe, Focus und Rose die leichte Force von Sram. Mehr von diesen interessanten Ultegra-Alternativen würden die Klasse bunter und vielfältiger machen.

Etwas größer ist die Bandbreite bei den Laufrädern: Zwar dominiert hier Mavic mit dem für die Preisklasse guten Ksyrium Equipe. Doch es gibt auch gute Alternativen anderer Hersteller. Hier lohnt der Vergleich: Leichtere Laufräder sind für jedes Rennrad eine echte Adrenalinspritze. Stellt sich die Frage, ob höherwertige Anbauteile oder ein besserer Laufradsatz zum Einsatz kommen, sollte die Wahl im Zweifelsfall auf die Laufräder fallen. Mancher Mittelklasse-Renner wird damit zum Top-Performer – auch ganz ohne Superlative.


Die Rennräder in diesem Test:

Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 04/2012