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Edel-Renner: Vier 2009er-Modelle im Test

Wegweiser

RoadBIKE hat vier neue Rennrad-Konzepte unter die Lupe genommen und getestet, ob die Räder halten, was die Hersteller versprechen. Zu den getesteten Produkten


"Darf ich mal anfassen?", fragt der Mann im dunklen Anzug. Seine Krawatte weht im Wind, und der Nieselregen benetzt das teure Tuch. Seinen Namen kennen wir nicht, nennen wir ihn Schneider. Die Wirtschaftsprüfer-Kollegen sind längst zum Meeting ins Foyer des Mercedes-Benz-Museums geflüchtet, aber Schneider harrt aus. Wir schauen neidisch auf die graue Masse in der geheizten Halle. Statt hier ­Fotos für ­diese Geschichte zu machen, wären wir im Moment lieber Wirtschaftsprüfer. Doch Schneider hingegen würde nur zu gerne mit uns tauschen. Er ist Rennradfahrer und verliebt sich gerade in ein Top-Modell.

Echte Typen

Auch wenn wir nach dem Foto-Shooting das junge Glück wieder trennen mussten, so können wir Herrn Schneider gut verstehen. Es gibt eben Räder, bei denen man sofort weiß, dass sie für einen gemacht sind. Nicht irgendwelche gesichtslosen Modelle, sondern Renner mit Charakter und Seele, die den Blick auf sich ziehen und zum eigenen Ich passen. Kompromisse beim Kauf werden nur dann schmackhaft, wenn gute Preis-Leistung lockt. Aber wer bereit ist, mehrere tausend Euro auf die Ladentheke zu legen, erwartet ein Rad, das genauso ist, wie man es sich immer erträumt hat.

So ein Rad kann viele Gesichter haben, schließlich gibt es die unterschiedlichsten Fahrertypen, die völlig verschiedene Ansprüche an ihren Traumrenner stellen. Einige Hersteller haben dies erkannt und wenden sich in der kommenden Saison mit Carbonkonzepten an die Kunden, die klare Aussagen haben. Jeder setzt einen eigenen Schwerpunkt, ohne aber ein Nischen­produkt anzubieten. Schließlich wollen alle passionierten Rennradler, zu welchem Typ sie auch zählen, hauptsächlich eines: ­Geschwindigkeit.

Viele Wege führen zum Ziel

Vier Zukunftskonzepte hat RoadBIKE zum Test geladen, um zu prüfen, ob die Räder halten, was das Marketing der Firmen verspricht. Die Kandidaten, die sich den Prüfungen in Labor und Praxis stellen, sind das Lapierre X-Lite II HM Ultimate, das Ridley Noah Red, das Specialized Roubaix SL2 und der Storck Fenomalist. Vier Top-Modelle, bei deren Konstruktion den Herstellern unterschiedliche Dinge besonders wichtig waren: ­Leichtigkeit beim Lapierre, Aerodynamik beim Ridley, Komfort beim Specialized und Steifigkeit beim Storck. Eigenständige Ansätze, die auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziel führen sollen: Schnelligkeit.

Und die angeführten Argumente sind durchweg schlüssig: Je weniger Gewicht bewegt werden muss (Leichtigkeit), je weniger Luftwiderstand besteht (Aerodynamik), je weniger die Haltemuskulatur durch Vibrationen und Schläge belastet wird (Komfort) und je besser die Kraft­übertragung ist (Steifigkeit), desto länger reichen die Kraftreserven, desto schneller ist man am Ziel. Das perfekte Rad hätte demnach Spitzenwerte in allen genannten Kategorien, doch dieses Rad, so viel sei schon mal vorweg genommen, gibt es auch im Jahr 2009 nicht.

Das Maximum einiger Wertungen widerspricht sich mit Top-Werten bei anderen Messungen – zum Beispiel Komfort versus Steifigkeit. Die optimale Lösung ist es deshalb, sich auf Stärken zu besinnen, das Maximale in einem Bereich rauszuholen und gleichzeitig zu versuchen, in den übrigen Wertungen konkurrenzfähig zu sein. So haben Bergflöhe, Langstreckler, Sprinter und Hobby-Zeitfahrer große Chancen, genau das Rad zu finden, das optimal zu ihrem Typ passt.

Materialschlacht

Wie bei jedem RoadBIKE-Test werden die Räder nach ihrer Ankunft in der Redaktion auseinandergenommen – im wahrsten und im übertragenen Sinn. Zunächst steht dann der Rahmen im Fokus. Er spielt bei jedem Rad die Hauptrolle, da er für den größten Teil des Fahrverhaltens verantwortlich ist. Und gerade bei Rädern, die ein bestimmtes Konzept verfolgen, kommt es ganz besonders auf die Konstruktion an.

Umso mehr, da alle Testkandidaten mit absoluten Top-Teilen bestückt sind. So ist an drei Rädern die brandneue Shimano Dura-Ace montiert, am Ridley Noah Red wechselt konsequent eine Sram Red die Gänge. Beides High-End-Gruppen, die für beste Schalt-Performance stehen. Hier kann sich keines der Konzepte punktemäßig absetzen, was auch für die anderen ­Anbauteile gilt.

Im Prinzip auch für die Laufräder: Zweimal Mavic R-Sys, im Lapierre und im Specialized, Fulcrum Racing Zeros im Ridley und ein Satz Mavic Ksyrium SL Premium im Storck. Eigentlich allesamt Laufräder auf Top-Niveau, aber die Vorderräder im Storck und Ridley verfehlen bei der Steifigkeit knapp den grünen Bereich. Wahrscheinlich ein Problem der Serienstreuung und sehr ärgerlich, wenn das eigene Traumrad auf solchen „Montags-Laufrädern“ aus dem Laden rollt.

Zurück zu den Rahmen, die sich alle umfangreichen Labormessungen stellen mussten. Keine Überraschung, dass bei Radpreisen zwischen 4750 und 6799 Euro, in den verschiedenen Tests Top-Werte erreicht wurden. Und an den Siegern der einzelnen Kategorien lässt sich ablesen, welche Richtung die Konzepte verfolgen. Da RoadBIKE die Aerodynamik nicht getestet hat, kann das Ridley seine Parade-Disziplin nicht durch Laborwerte untermauern. Es muss auf der Straße zeigen, ob das Fahrverhalten zum Konzept passt.

Im Labor punktet das La­pierre, bei dem Wert auf Leichtigkeit gelegt wurde, mit den niedrigsten Gewichten: Rahmen- ­(887 g), Gabel- (377 g)­ und Gesamtgewicht (6400 g) schlagen die Konkurrenz zum Teil deutlich. Ein klares Bild liefern auch die Steifigkeiten: Bei der Tretla­­ger- und auch bei der Lenkkopfmessung schickt Storck mit dem Fenomalist den Favoriten ins Rennen, und er kann ­diese Rolle im Test absolut bestätigen. Mit einem Wert von 127 N/mm hat der Fenomalist ein extrem steifes Tretlager. Selbst für die antrittsstärksten Sprinter ist dies mehr als genug. Und auch die Lenkkopf-Steifigkeit ist mit 135 Nm/° extrem hoch.

Bei einem Rahmengewicht von 965 Gramm bedeuten diese Messergebnisse einen SGI von 271, und damit RoadBIKE-Rekord beim Verhältnis von Steifigkeit zu Gewicht.Bleibt die Komfort-messung, die Specialized als wichtigstes Ziel ins Auge gefasst hat. Eine Mission, die die Amerikaner mit Bravour erfüllen. Denn ein guter Komfortwert ist nur dann beeindruckend, wenn auch die Steifigkeiten stimmen, und das tun sie. Damit hält das Roubaix SL2 auf dem Papier schon einmal, was der Hersteller verspricht.

Praktische Erfahrung

Natürlich mussten sich die Räder auch in der Praxis beweisen und sich der dreiköpfigen Testcrew um den ehemaligen Profi und Welt­klasse-Zeitfahrer Michael Rich stellen. Klettern, Sprinten, Abfahren und Kilometer machen: Harte Prüfungen, die allerdings keine bösen, sondern höchstens positive Überraschungen brachten. Alle Räder fuhren sich entsprechend der Laborwerte und zum größten Teil auch so, wie es die Hersteller versprechen.

Fazit:

Ein Testfeld auf höchstem Niveau, das den Erwartungen entspricht. Die Hersteller sprechen verschiedene Fahrertypen an und liefern ihnen das passende Material: ­Racer werden den Fenomalist lieben, und leichte Fahrer finden mit dem Lapierre X-Lite II ein entsprechendes Rad. Das Ridley überzeugt als Roller für Höchstgeschwindigkeiten und das Specialized als steifer und schneller Komfortrenner.

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Die Rennräder in diesem Test

Autor: Nils Flieshardt

© RoadBIKE : Ausgabe 11/12/2008

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