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Alu oder Carbon? 16 Rennräder um 1.700 Euro im Test

Im Test: 5 Carbon- vs. 11 Alu-Rennräder

Alu oder Carbon: Welches Rahmenmaterial ist das bessere? RoadBIKE hat dazu elf Alu-Rennräder und fünf Modelle aus Carbon in der Preisklasse unter 2.000 Euro getestet. Zu den getesteten Produkten


Rennradfahrer haben oft klare Prinzipien. Die Marke der Schaltgruppe steht für die meisten so wenig zur Diskussion wie die Farbe der Socken.

Es gibt einfach Dinge, die man nicht in Frage stellt. Niemals. Bei einer Frage kommen dagegen viele ins Grübeln: „Alu oder Carbon?“ Schnell fangen wilde Diskussionen an, werden Argumente gesammelt, Für und Wider abgewogen.

Nicht nur wer ein Rennrad um 1700 Euro kaufen möchte, wie sie RoadBIKE für diese Ausgabe getestet hat, sieht sich mit dieser wohl schwierigsten Entscheidung beim Rennrad-Kauf konfrontiert. Bis in die 3000-Euro-Klasse sind Alu-Rahmen ein Thema, trotz wachsender Kohlefaser-Dominanz.

Neue, herausragende Alu-Rahmen wie Cannondales superleichter CAAD 10 – er wiegt im Test 1196 Gramm und damit weniger als viele Carbon-Modelle – haben die Unsicherheit eher vergrößert: Welches Rahmenmaterial ist das bessere? Dieser Test liefert Antworten, zeigt die Unterschiede und hilft bei der Kaufentscheidung – nicht nur in der getesteten Klasse.

Carbon auf dem Vormarsch

Gerade in der Preisklasse um 1700 Euro drängt sich die Frage nach dem Rahmenmaterial auf, Aluminium und Kohlefaser stehen hier in direkter Konkurrenz zueinander. Hat der eine Anbieter einen Alu-Renner im Programm, gibt’s beim nächsten Carbon.

Cube bietet sogar beides an – zum gleichen Preis von 1699 Euro: das Agree HPA SL mit Alu-Rahmen und das Agree GTC Pro als Carbon-Modell. Welches den besseren Rahmen hat? Lesen Sie hier den direkten Vergleich der zwei Räder mit identischer Geometrie.

Bei den übrigen 14 Rädern im Test ließ RoadBIKE den Herstellern die Wahl, welches Rahmenmaterial sie in den Test geben wollten. Ergebnis: 5 Rennrädern mit Carbon-Rahmen stehen 11 Alu-Renner gegenüber – was dem derzeitigen Kräfteverhältnis am Markt in dieser Preisklasse weitgehend entspricht.

Eine beindruckende Entwicklung übrigens: Noch vor wenigen Jahren waren Carbon-Rahmen unter 2000 Euro absolute Raritäten. Vielleicht liegt darin einer der wesentlichen Gründe für die Verunsicherung: Der Verbundwerkstoff gilt vielen noch immer als High-End-Material, das den oberen Preisklassen verbehalten ist. Kann also ein so günstiges Komplettrad mit Kohlefaser-Rahmen wirklich gut sein?

Die klare Antwort: Es kann – in Sachen Fahrsicherheit und Haltbarkeit. Keiner der auf den RoadBIKE-Prüftischen vermessenen Carbon-Rahmen leistete sich eine Schwäche bei den Steifigkeitswerten. Dabei wiegen alle 5 Carbon-Rahmen im Testfeld um 1200 Gramm – ein mehr als respektables Ergebnis, das auch manchem deutlich teureren Rad zur Ehre gereichen würde.

Nur: Aus Kostengründen montieren die Hersteller häufig recht schwere Gabeln – das gilt generell für diese Preisklasse, egal aus welchem Material der Rahmen gefertigt wurde. Fast alle Rahmen-Gabel-Sets im Test bringen deshalb deutlich mehr als
1700 Gramm auf die Waage.

Nur die Carbon-Sets von Bergamont und Radon bleiben unter dieser Marke – dicht gefolgt von den beiden herausragenden Alu-Sets von Cannondale und Canyon, die beide um 1700 Gramm wiegen.

Bei den Steifigkeiten leisten sich weder die beiden Leichtgewichte noch sonst ein Alu-Rahmen-Set in der Praxis spürbare Schwächen – das Material ist bewährt, die Verarbeitung erprobt, die Produzenten wissen damit umzugehen. Die Folge dieser langen Produktionserfahrung und der vergleichsweise hohen Stückzahlen: AluRahmen lassen sich günstig herstellen, die Produktmanager der Hersteller tun sich entsprechend leichter, attraktive Kompletträder zu kalkulieren.

Dass das Gros der Alu-Rahmen und -Sets deutlich schwerer ausfällt als die Carbon-Sets, ist die Kehrseite der Medaille: Um 2 Kilo wiegen die meisten Alu-Rahmen-Gabel-Sets in diesem Vergleich, einige noch deutlich mehr.

Spürbarer Gewichtsnachteil?

In den Praxistests macht sich dieses Mehrgewicht kaum bemerkbar: Das Rahmengewicht ist – in den genannten Dimensionen – auf der Straße nicht „erfahrbar“. Solange ein Rahmen gut konstruiert wurde und die Geometrie stimmt – was auf alle getesteten Räder zutrifft –, spielen 200 Gramm Mehrgewicht keine entscheidende Rolle.

Viel deutlicher spürbar sind im Alltag die Laufräder: Besonders eindrucksvoll fiel der direkte Vergleich der beiden Cube-Renner aus. Egal ob Lizenz-Rennfahrer oder Tourenliebhaber: Ohne bei den Testfahrten die Gewichte zu kennen, attestierten alle Fahrer dem Alu-Cube deutlich bessere Vortriebs- und Klettereigenschaften und lobten das gefälligere Handling in engen Kurven.

Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in den Testprotokollen der anderen Testräder wider: Die Renner mit den leichtesten Laufrädern im Test – Canyon, Fuji, Rose und Storck – wurden als deutlich williger und schneller empfunden. Die wirklich schweren Laufrad-Sets bescherten ihren Testrädern – Bergamont, Cube mit Carbon-Rahmen, Focus, Giant, Principia und Scott – hingegen entsprechende Einträge in den Testprotokollen: Die Räder wirkten weniger spritzig und direkt.

Spürbare Sparmaßnahmen

Und wieder kommt hier das Rahmenmaterial ins Spiel: Um die teuren Carbon-Rahmen auf Preise um 1700 Euro bringen zu können, setzen die Produktmanager meist bei den Laufrädern den Rotstift an.

Selbst Radon-Vertreiber H&S Bike-Discount, der sich mit Traumausstattungen und hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis einen Namen gemacht hat, kommt nicht um diese Sparmaßnahme herum: In dem hochwertigen Carbon-Rahmen steckt Mavics günstigster Laufradsatz Aksium. Eine im Alltag deutlich spürbare Einschränkung – und mithin ein Argument gegen Carbon-Rahmen in dieser Preisklasse.

Doch nicht nur bei den Laufrädern müssen die Anbieter mit Kohlefaser-Rahmen sparen. Auch bei den Komponentengruppen sind Abstriche unumgänglich: Zwar setzt nahezu jeder Carbon-Renner im Test auf die bewährte Shimano Ultegra (nur Giant montiert die komplette 105-Gruppe). Außer dem Versender Radon und dem an der oberen Preisgrenze angesiedelten Bergamont verbaut aber kein Anbieter eine sortenreine Ultegra an seinem Kohlefaser-Rahmen.

Gespart wird, teilweise versteckt, an Verschleißteilen wie Kette oder Kassette. Häufig aber auch an der Kurbel. Die alternativ zur Ultegra montierten günstigeren Kurbeln drücken zwar etwas auf die Waage, funktionieren aber gut.

Ganz anders ist das bei der zweiten beliebten Sparmaßnahme: den Bremsen. Cube und Focus montieren an ihren Carbon-Rennern günstige Stopper – in der Praxis wurden die von allen Testern kritisiert. Die Sparbremsen bieten spürbar weniger Brems-Power und lassen sich nicht so feinfühlig dosieren, wie man das von Teilen ab 105-Niveau gewohnt ist. Auch diese unerfreuliche Sparmaßnahme liefert also Argumente gegen Carbon in dieser Klasse.

Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass auch einige Anbieter von Alu-Rennern zu dieser Sparmaßnahme greifen: Fuji und Scott montieren ebenfalls schlecht dosierbare Billig-Bremsen, die im Alltag den Fahrspaß merklich schmälern. Vor allem für weniger erfahrene Rennradler ein echtes Ärgernis. Deshalb gilt: Ob Alu oder Carbon – auf die Ausstattung achten sollte man bei den knapp kalkulierten Rädern unter 2000 Euro auf jeden Fall.

In 11 Schritten zur Endnote - so testet RoadBIKE die Rennräder

Die Rennräder in diesem Test

Autor: Felix Böhlken

© RoadBIKE : Ausgabe 06/2011

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