Acht Crossräder im Test

Waldmeister

Winter ist die Zeit der Crossräder – doch die Geländemaschinen stehen nicht nur im Wald ihren Meister. Der Test zeigt: Crosser sind hervorragende Alleskönner. Zu den getesteten Produkten


Crossräder im Test
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Crosser sind hervorragende Alleskönner.
Foto: Björn Hänssler

Es knistert wie Brause, die im offenen Mund auf der Zunge britzelt. Das Geräusch des ersten Schnees auf dem bunten Laub markiert das Ende der Rennradsaison. Unwiderruflich. Jetzt schlägt die Stunde der Crosser. Mehr und mehr Radfahrer steigen auf die Renner mit den Stollenreifen um, wenn die Quecksilbersäule gen null tendiert. Aber nicht nur dann. Denn ein Crosser kann mehr als nur über gefrorene Rennpisten rasseln. Crossen begeistert. Rennfahrer wie Freizeitsportler.

Klar freuten sich die RoadBIKE-Tester, mal im Gelände zu fahren. Denn die acht Crosser zwischen 1149 und 2199 Euro – vom angenehmen Schotterpistentourer bis zur kompromisslosen Rennmaschine – mussten standesgemäß getestet werden. Zwei Tage vor dem legendären „Internationalen Radquerfeldeinrennen“ im schwäbischen Magstadt mussten sich die Querfeldeinräder auf dem bereits abgesperrten Parcours beweisen. Aber auch die Testfahrer. Denn die 2,2 Kilometer haben es in sich, was selbst Profis – wie der dreifache Cross-Weltmeister und RoadBIKE-Fahrtechnikexperte Mike Kluge – gestehen.

Crossen liegt im Trend. Im Winter stehen immer mehr Lizenzfahrer bei Crossrennen am Start, Straßenfahrer wie Mountainbiker. Und auch die Zahl der Hobbysportler, die den Reiz der Crosser entdecken, steigt. „Wer im Winter auf dem Crosser trainiert oder Rennen fährt, tut was für Kondition und Fahrtechnik. Und davon profitiert man auch die folgende Saison auf der Straße“, weiß Kluge.

Möglich sind diese Ausflüge ins Gelände, weil Crossräder sich in vielen kleinen, aber wichtigen Details vom Rennrad unterscheiden. Die stabilen Rahmen generieren durch leichte Eingriffe in die Geometrie hohe Laufruhe und Sitzkomfort. Zudem bieten Rahmen und Cantileverbremsen satte Reifenfreiheit für großvolumige Gummis. Die obligatorischen Zusatzbremshebel am Oberlenker garantieren auch bei steilen Abfahrten maximale Kontrolle auf dem Crossrad.

Doch Crosser ist nicht gleich Crosser. Wie im Rennradsegment entwickeln auch Crossräder immer stärker ihren individuellen Charakter. So deckt das Testfeld die ganze Bandbreite ab, die sich unter dem Begriff Crosser heutzutage versammelt.

Die Testräder stehen im Wald Ihren Meister.
Foto: Björn Hänssler

Eine Frage des Charakters

Denn die Eckdaten der Crosser-Rahmen-Geometrie sind längst nicht mehr in Stein gemeißelt. So bietet der Vollblut-Renner von Stevens im Test die sportliche Sitzposition einer Straßenrennmaschine. Der Unterschied zum Straßenrad ist nur durch die höhere Laufruhe spürbar. Auch auf den Rädern von Focus, Kona und Specialized konnten die Tester diesen satten Geradeauslauf stark ausgeprägt bemerken. Scott verzichtet hingegen beim Testrad auf den crossertypisch langen Radstand und einen flacheren Lenkwinkel – seine quirlige Lenkung will im Gelände beherrscht sein. Selbst der rennerfahrene RoadBIKE-Techniker Haider Knall mochte sich für dieses sehr giftige Handling nicht begeistern. Dafür freuen sich Tourenfahrer auf Schotterpisten über den klassischen Charakter eines spritzigen „Rennrades“.

Auffällig bei fast allen Testrahmen: die mäßige Lenkkopfsteifigkeit. Nur Kona und BMC erreichen Werte, die auch bei schwe-reren Fahrern – wie Testfahrer Knall – stets präzise Lenkmanöver ermöglichen. Die Messwerte aller anderen Testräder unter 80 N/mm sind zwar nicht gefährlich, aber teilweise spürbar. Im direkten Vergleich zu einem sehr steifen Lenkkopf müssen Fahrer über 80 Kilo aber bei aggressiven Manövern Abstriche in Kauf nehmen, was direktes und präzises Handling betrifft.

Maßgeblich verantwortlich für präzise Spurgenauigkeit im Gelände sind auch die Laufräder. Profis fahren zwar Carbonfelgen, im Alltag empfiehlt sich hingegen eine stabile Alufelge, klassisch mit 32 dreifach gekreuzten Speichen aufgebaut. Besonders im Stevens überzeugt der mit Ultegra-Nabe und Mavics solider CXP 22-Felge aufgebaute Satz mit tollen Steifigkeitswerten. Systemlaufräder ergeben dagegen beim Crosser definitiv wenig Sinn, denn ihre meist radial gespeichten Vorderräder sind viel zu hart und unkomfortabel. Das Ksyrium Equipe im Focus musste zudem bereits nach wenigen Testrunden nachzentriert werden – keine guten Voraussetzungen für den Geländeeinsatz. Und letztendlich der Grund dafür, dass Focus mit einem durchdachten und preisaggressiven Konzept nicht im Rennen um den Testsieg blieb.

Im Endspurt zählt nur der Druck- Crosser brauchen starke Beine.
Foto: Björn Hänssler

Der Reifen macht’s

Als rennentscheidend unter Profis gilt die Reifenwahl. Sie kleben ausschließlich Schlauchreifen – wegen des Fahrgefühls und der Pannensicherheit. Faltreifen wie auf den Testrädern sind dagegen deutlich alltagstauglicher und mit passenden Schläuchen in Größe 700 x 35C sowie rund 4 Bar ebenfalls sehr pannensicher. Im Test überzeugte Schwalbes Racing Ralph an den Testrädern von Focus und Stevens mit seinem guten Grip selbst bei Nässe. Außerdem rollt er gut, und sein großes Volumen sorgt für spürbare Dämpfung.

Federungskomfort generieren aber auch die Crossgabeln durch ihre meist etwas stärkere Vorbiegung und Carbonscheiden. Steuerrohre aus Aluminium sind unempfindlicher als Carbon gegen die harten Schläge im Gelände. Wichtigstes Merkmal der Gabeln sind die Cantisockel, da Crosser wegen der nötigen Reifenfreiheit mit der guten alten Cantileverbremse stoppen – Rennradbremsen bieten nur Platz für Reifen bis rund 28 Millimeter und würden sich außerdem im Matsch zusetzen.

Crossen: Im Winter die ideale Abwechslung.
Foto: Björn Hänssler

Schwächelnde Bremsen

Die Bremsleistung der Cantis ist aber deutlich schlechter als die von Rennradbremsen. Selbst die besten Bremsen im Test – Shimanos BR-R550 am BMC, Avids Shorty 4 am Kona und Specialized und die CR 920 von Tektro am Focus – schockieren jeden Rennradfahrer, wenn er zum ersten Mal auf einem Crosser in die Hebel greift.

Zudem lassen fast alle vorderen Cantis beim Anbremsen die Gabeln teilweise stark stottern. Dieses Gabelrütteln in Laufrichtung kann im Extremfall dazu führen, dass das Rad nur schwer zu beherrschen ist. Bei allen Testrädern war diese Crosser-Krankheit spürbar, glücklicherweise wurde es bei keinem kritisch. Ein Rezept dagegen gibt es leider nicht, mit Glück bringen Beläge anderer Hersteller etwas Linderung.

Auch Mini-V-Bremsen, wie die von Campagnolo, helfen nicht wirklich. Sie kommen zwar nie ins Stottern, harmonieren aber nicht mit dem Übersetzungsverhältnis der Rennradbremshebel und lassen sich daher schlecht dosieren. Tadellos dagegen funktionieren mechanische Scheibenbremsen. Zwar verbietet sie die UCI im Renneinsatz, doch für Hobbysportler stellen sie eine tolle, aber schwerere Option dar. Discs lassen sich jedoch nur an Rahmen und Gabeln mit entsprechenden Anlötteilen montieren – die an keinem der Testräder zu finden sind. Cannondale bietet jedoch seit Jahren Modelle mit Discs an, auch Focus und Kona haben Discstopper im Programm.

Trotz des Bremsenproblems ziehen die Crosser immer mehr Rennradfahrer nachhaltig in ihren Bann, die die Gelegenheit hatten, mal eine längere Runde damit zu drehen. Denn wo jeder Straßenrenner sofort die Flügel streckt, bügeln die laufruhigen Crosser über Stock und Stein. Wo jedes Mountainbike lahm vorankriecht, fliegt ein Crosser leichtfüßig über Schotterpisten. Selbst auf Asphalt kommen Crosser schnell voran.

Tipp: Wer mit dem Crosser auch auf der Straße fahren möchte, sollte sich überlegen, in einen zweiten Laufradsatz zu investieren. Im Handumdrehen wird so aus dem Crosser ein echter Tausendsassa, der sogar Platz für voluminöse Slicks hat, wie zum Beispiel Contis Ultra Sport mit 32 Millimetern. Damit rollt es sich angenehmer und pannensicherer über verdreckte Radwege und Straßen als mit harten Rennradreifen. Und was die Alltagstauglichkeit betrifft, überzeugen viele Crosser mit schönen Details. Mit Anlötösen für Schutzbleche oder Gepäckträger wie bei Cannondale, Centurion und Specialized wird aus dem Crosser weit mehr als ein reines Sportgerät.

Nicht zuletzt deshalb entscheiden sich neben mutigen Querfeldeinfahrern auch mehr und mehr Tourenfahrer, Reiseradler oder Fahrrad-Pendler für einen Crosser als Begleiter für alle Gelegenheiten. Gut so, urteilt RoadBIKE-Tester Haider Knall: „Ein Crosser ist wahrscheinlich der beste Alleskönner von allen Fahrrädern.“

Auf der Crossstrecke zählen Schnellkraft und eine starke Pumpe.
Foto: Björn Hänssler

Fazit

Nicht nur wenn der erste Schnee fällt, spielen Crosser ihre Stärken aus: Laufruhe, Komfort und solide Technik. Tourer bekommen mit Centurions günstigem Cyclo Cross all diese Attribute. Mit seiner stimmigen Ausstattung ist er ein idealer Alleskönner. Klassische Crosser-Werte verkörpern die renntauglichen Räder von Focus und Kona, beides Anwärter auf den Testsieg. Den sichert sich jedoch Stevens: Für 1399 Euro gibt es ein tolles Trainings- und Wettkampfrad ohne Fehl und Tadel mit Top-Ausstattung.
Eine Frage des Charakters
Denn die Eckdaten der Crosser-Rahmen-Geometrie sind längst nicht mehr in Stein gemeißelt. So bietet der Vollblut-Renner von Stevens im Test die sportliche Sitzposition einer Straßenrennmaschine. Der Unterschied zum Straßenrad ist nur durch die höhere Laufruhe spürbar. Auch auf den Rädern von Focus, Kona und Specialized konnten die Tester diesen satten

Autor: Felix Böhlken

© RoadBIKE : Ausgabe 01/2008

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