10 Alu-Rennräder um 1.600 Euro im Test

10 Alu-Rennräder im Test


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RoadBIKE Ausgabe 05/2012 Alu-Rennräder im Test
Foto: Arturo Rivas

 

Cannondale CAAD 10 5
Foto: Benjamin Hahn

 

Canyon Ultimate AL 8.0
Foto: Benjamin Hahn

 

Cube Agree Pro
Foto: Benjamin Hahn

 

Focus Culebro 1.0
Foto: Benjamin Hahn
Starke Rahmen, alltagstaugliche Parts, faire Preise – sind diese attraktiven Alu-Renner am Ende besser als günstige Carbon-Modelle? RoadBIKE hat 10 Rennräder aus Aluminium getestet.
Zu den getesteten Produkten

Alu-Rahmen – nur noch ein Fall für den Schrottplatz der Rennrad-Geschichte? Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die aktuellen Angebote der Hersteller durchstöbert: Carbon dominiert klar, mittlerweile sogar schon in der Preisklasse um 1.600 Euro.

Doch gerade in dem hart umkämpften Preisbereich bis 2.000 Euro sind Carbon-Renner nicht zwingend die bessere Wahl. Als RoadBIKE in Ausgabe 06/11 Carbon- und Alu-Renner dieser Klasse gegeneinander antreten ließ, hatten die Alu-Modelle klar die Nase vorn – Testsieg und Kauftipps gingen jeweils an Räder mit Leichtmetall-Rahmen. Klarer Sieg nach Punkten also!

Kein Wunder, dass die Anbieter im 1.600-Euro-Segment jetzt nachlegen: 2012 sind einige der im Vorjahr getesteten Alu-Modelle tatsächlich sogar etwas günstiger geworden! Doch leider ist nicht auch alles gut, was auf den ersten Blick verlockend alufarben schimmert. RoadBIKE hat zwischen den 10 getesteten Alu-Rennern zu Preisen von 1.449 bis 1.699 Euro enorme Unterschiede aufgedeckt: Bestenfalls ersteht der Käufer in dieser Preisklasse ein deutlich unter 8 Kilo schweres Rad mit Top-Rahmen und erstklassiger Ausstattung auf Ultegra-Niveau. Schlimmstenfalls bezahlt er für einen schweren Rahmen mit eher schwachen Anbauteilen das Gleiche.

Der erste Eindruck

Auf den ersten Blick machen alle Testräder eine gute Figur: Mit ihren wahlweise nobel-dezenten oder sportlich-farbigen Designs überzeugen sie schon rein optisch. An allen Modellen – mit Ausnahme des günstigen, mit Shimano 105 bestückten Cannon­dale – locken Komponenten auf Ultegra-Niveau. Auch auf der Straße überzeugen die meis­ten Test­räder: Cannondale, Focus, Scott und Stevens punkten als laufruhige, sehr angenehme und vielseitige Tourer.

Auf den Rädern von Canyon, Giant, Lapierre und Rose sitzt der Pilot sportlicher, ihre Lenkung reagiert direkter – diese Modelle empfehlen sich als sportliche Alleskönner. Die lebendigen Sportskanonen von Cube und Radon schließlich könnten, dank racetauglicher Sitzposition des Fahrers, bei jedem Kriteriumsrennen an den Start gehen.

Fast durch die Bank steife Rahmen lassen die Testräder traumhaft direkt und präzise reagieren – in puncto Rahmensteifigkeit haben nahezu alle Alu-Renner im Test mehr zu bieten als das Gros der deutlich teureren Carbon-Modelle, die RoadBIKE in Ausgabe 04/12 getestet hat! Selbst 100-Kilo-Fahrer müssen sich mit einem der Alu-Sets keine Gedanken über die Fahrstabilität machen. Und auch wer sein Rad häufig im Auto oder per Flieger transportiert, muss dabei keine übertriebene Sorgfalt walten lassen.

Nur das Lapierre leistet sich in Sachen Steifigkeit deutlich spürbare Schwächen: Obwohl keineswegs am Gewichtslimit kons­truiert, verfehlt das Rahmen-Gabel-Set auf dem RoadBIKE-Prüfstand den "grünen Bereich" – einen für jedes Fahrergewicht ausreichenden Wert. Auf der Straße macht sich das durch vergleichsweise schwammige, umpräzise Lenkmanöver bemerkbar.

Fotostrecke: Kauftipps: Auf diese Punkte sollten Sie bei Alu-Rennrädern achten

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10 Alu-Rennräder im RoadBIKE-Test: Kauftipps Foto: Benjamin Hahn
10 Alu-Rennräder im RoadBIKE-Test: Kauftipps Foto: Benjamin Hahn
10 Alu-Rennräder im RoadBIKE-Test: Kauftipps Foto: Benjamin Hahn

Klotz am Berg

Deutliche Unterschiede offenbaren die Test­räder am Berg und, mehr noch, bei Sprintattacken. Zwar bieten die brettsteifen Rahmen auch in Sachen Tretlagersteifigkeit hervorragende Vor­aussetzungen für beeindruckende Beschleunigung. Allerdings drehen sich in den meisten der Alu-Renner recht schwere Laufradsätze: Bei Cannondale, Focus, Giant, Lapierre, Scott und Stevens wiegen die Sets (samt Bereifung und Kassette) um 2,9 Kilo.

Zwar sind diese Laufräder absolut stabil und damit auch für schwerste Fahrer voll alltagstauglich. Im Vergleich zu den unter 2,5 Kilo schweren Sets im Radon und Rose beschleunigen die Renner mit den gewichtigeren Laufrädern aber spürbar träger, wirken dabei weniger spritzig und willig.

So hochwertige Laufräder wie die bei Radon und Rose montierten Ksyrium Elite darf man in dieser Preisklasse allerdings kaum erwarten – selbst diese preis­aggressiven Marken haben da wohl am Limit kalkuliert. Der Effekt so leichter Räder ist allerdings beeindruckend: An den langen Anstiegen der Test­runde bescheinigten die Testfahrer den entsprechend ausgestatteten Rennern klassenuntypische Rasse: Radon, Rose und Canyon klettern so leichtfüßig, wie man das eigentlich nur von deutlich teureren (Carbon-)Rädern erwarten würde. Dagegen wirkten alle anderen Mitbewerber im Vergleich fast schon träge.

Ein Blick auf die Gesamtgewichte erklärt diese Unterschiede: 1.340 Gramm trennen das leichteste Testrad (Rose) vom schwersten, dem Focus. Dieses Mehrgewicht ist am Berg deutlich spürbar. Außer Rose, Canyon und Radon wiegen alle Testräder klar über 8 Kilo – die Versender spielen hier ihre Vorteile bei der Preiskalkulation doppelt aus: Sie können bei der Ausstattung mehr bieten und sparen damit auch noch Gewicht. Obendrein schickten alle 3 Versender vergleichsweise teure Räder in den Test. Teurer als die meisten der im Preiskampf benachteiligten Fachhandelsmarken-Rennräder.

Verborgene Unterschiede

Die großen Unterschiede beim Gesamtgewicht der Testräder erklären sich aber nicht allein durch leichtere Laufräder und Anbauteile. Das RoadBIKE-Testlabor deckte auch deutliche Qualitätsunterschiede bei den Rahmen auf. Die schwersten Modelle von Focus (1.721 Gramm) und Radon (1.616 Gramm) wiegen ähnlich viel wie bei Cannondale und Canyon das komplette Rahmen-Gabel-Set inklusive Steuersatz!

Die beiden Leichtgewicht-Sets (Cannon­dale 1.787 Gramm, Canyon 1.691 Gramm) unterbieten sogar viele Carbon-Sets der 2.500-Euro-Klasse, die RoadBIKE in Ausgabe 04/12 getestet hat – eine starke Leistung!

Das leichte und steife Canyon-Set bietet obendrein hervorragenden Dämpfungskomfort. Auch Giant und Rose erreichen auf dem Komfort-Prüfstand sehr gute, an Front und Heck sehr ausgeglichene Werte. Auf der Straße ist diese Dämpfung deutlich spürbar – gerade beim "harten" Rahmenmaterial Aluminium ein klarer Vorteil.

Eine Menge Tuningpotenzial

Cannondale, Focus, Lapierre und Scott bieten zwar an der Front ebenfalls sehr gute Dämpfung, am Heck werden die Rahmen allerdings Opfer des Sparzwangs, dem die Produktverantwortlichen in dieser Preisklasse unterliegen: Hier kommen harte Sattelstützen aus Aluminium zum Einsatz, die deutlich spürbare Dämpfung vermissen lassen.

Eine vertikal nachgiebigere Sattelstütze wäre für fast alle Testräder ein heißer Tuningtipp. Auch sonst bergen viele der Anbauteile an den Testrädern Potenzial: So montieren einige Hersteller Lenker mit sehr dünnem, rundem Oberlenker und hartem Band. Was vor wenigen Jahren noch üblich war, fühlt sich in Zeiten angenehm abgeflachter Oberlenker und komfortabler Lenkerbänder schlicht unangenehm hart an.

Auch bei der Bereifung müssen viele Hersteller offensichtlich den Rotstift ansetzen und montieren solide, aber schwere Trainingsreifen. Wer sich hier beim ersten Wechsel ein Top-Modell gönnt, spart gut und gerne 100 Gramm – und profitiert von spürbar besserer Beschleunigung!


Die Rennräder in diesem Test

12.07.2012
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 05/2012