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Rennrad fahren im Oman

Winter in der Wüste

Wenn in Europa das Wetter noch für schlechte Laune sorgt, ­sollten sich Rennradfahrer in die (richtige) Wüste schicken lassen. Oman ist ein echter Winter-Insider-Tipp!


Wir wollten Wärme. Wir wollten Landschaft. Wir wollten ein exotisches Rennradziel. Und trotzdem guckten wir skeptisch, als uns das ­Internet in die Wüste schicken wollte. Rad fahren in der Wüste? Geht das? Es geht, und zwar hervorragend: im Sultanat Oman.

Möglich gemacht hat es der Sultan Qabus ibn Said, der das einst isolierte Land umsichtig ins neue Jahrtausend führte. 1975 gab es im Sultanat – mit 309 500 Quadratkilometer immerhin fast so groß wie Deutschland – gerade einmal zehn Kilometer asphaltierte Straßen. 2005 waren es bereits rund 32 800 Kilometer – zum Teil in bestem Zustand.

Sie sind das "Zuhause" von Frans und Larry, die ihr Revier bislang mit einer nur kleinen Fan-Gemeinde teilen müssen. "Mittlerweile ist es mir hier aber manchmal schon zu voll", sagt Larry Michienzi mit einem Augenzwinkern, als wir uns mit ihm zu einer Ausfahrt treffen. Michienzi kommt aus Kanada, arbeitet als Englischlehrer an der staatlichen Sultan Qaboos Universität (SQU) und ist begeisterter Rennradler.

Unser zweiter Mitstreiter – Frans Kohler – ist die graue Eminenz der Radsport-Szene Muskats. Nachdem ihn das Öl- und Gasgeschäft in den Oman verschlagen hatte, wollte er es im vorgezogenen Ruhestand "weiter warm haben, angeln und die Wüste erforschen". Und natürlich Rad fahren, doch das stellte sich als gar nicht so einfach heraus: "Es gab hier zwar schon lange einen von Ausländern aufgebauten Club, aber nieman-den, der die Jungs mit gutem Service und Teilen versorgen konnte.

Da musste man schon nach Dubai rüberfahren." Kein Zustand, fand "Schrauber" Frans und eröffnete Anfang 2009 mit Oman Bicycle das bisher einzige Fahrrad-Fachgeschäft des Landes: "Wir Holländer haben das Radfahren eben einfach im Blut!"

Wir treffen uns mit weiteren Mitgliedern des Muscat Cycling Clubs an einer Tankstelle nahe der Universität zu einer gemeinsamen Tour nach Fanja. An die 20 Expats, also im Ausland lebende und arbeitende Menschen, finden sich am Treffpunkt ein. Group-Ride-Leader Larry teilt auf: "Wir starten in zwei Gruppen. Die eine fährt im, die andere gegen den Uhrzeigersinn nach Fanja. Erstere Gruppe wartet in Fanja auf uns, und wir rollen gemeinsam zurück."

Bevor wir im Sattel sind, ist Larry mit seinen Cracks auch schon weg. "Das ist besser so", sagt Frans, "die legen immer einen höllischen Schnitt hin."

Auf einer Autobahn rollen wir los – stetig, aber nicht steil bergauf. Auf dem ers­ten Stück machen uns noch ein paar LKWs zu schaffen, aber dann verlassen wir die Autobahn, und der Genussteil der Runde liegt vor uns. In Fanja radeln wir an den Oman-typischen "Aflaj" vorbei, einem über 1500 Jahre alten Bewässerungssystem mit unter- und überirdischen Wasserkanälen.

Ohne sie gäbe es nirgendwo in der trockenen Wüstenlandschaft auch nur einen grünen Fleck. Wir verweilen kurz in der üppigen Vegetation und sind gleichermaßen begeistert und verwundert. Dann taucht Larry mit seinen Sprintern auf, und wir machen uns auf, den Ausritt mit einer langen Abfahrt ausklingen zu lassen.

Vorher stoppen wir aber noch an einer Teestube, in der die bisher noch nicht auf Rennräder abfahrenden Omani in ihren "Dishdasha" – den traditionellen knöchellangen Kleidern der Araber – genüsslich an ihren Wasserpfeifen ziehen. Bedient werden sie wie überall von einer Heerschar ausländischer Arbeiter aus Pakistan, Bangladesch, Ägypten, Libanon und anderen arabischen Ländern. Ohne sie würde sich im Oman nichts bewegen.

Anders als in den Vereinigten Arabischen Emiraten scheint es hier aber ein besseres Miteinander zu geben, das über das allgemeine Arbeitsverhältnis hinausgeht. Weil man sich mit gegenseitigem Respekt gegenübertritt, lebt man gerne im Oman. Frauen sind allerdings im Vergleich zu Männern in der Öffentlichkeit selten anzutreffen. Aber auch das wird sich im Zuge der Öffnung des Landes hoffentlich ändern.

Am nächsten Tag fahren wir mit Frans im Auto Richtung Jabal Al Akhdar: "Die 46-Kilometer-Strecke da hinauf fängt 760 Meter über dem Meer an und endet auf über 2000. Nehmt auf jeden Fall viel Wasser mit. Das wird kein Kinderspiel." Er sollte recht behalten, aber je mehr Serpentinen wir schwitzend meistern, desto schöner wird auch der Blick auf eine karge Canyonlandschaft.

Wir rufen noch einmal Larrys Feindaten zu dieser Strecke ab. Durchschnittlicher Steigungsgrad: 10 Prozent. Wenig ebenes Gelände zum Luftholen. Maximale Steigung: 20 Prozent. Was für eine Plackerei, aber die Höhe hat auch ­einen Vorteil: Es wird kühler.

Hier oben hängen Larry & Co. oft noch ein paar Tage im Jabal Akhdar Hotel dran, um landschaftlich beeindruckende Runden zu drehen. Damit gehören sie zu den wenigen Einwohnern, die die sportlichen Vorzüge ihres Landes erkannt haben. Denn im Gegensatz zu den VAE hat sich die Rennradszene im Oman noch nicht wirklich etabliert. Noch!

Denn die hervorragenden Bedingungen, die sich Rennradfahrern hier bieten, werden nicht mehr lange den Geheimtippstatus halten können. Solche steilen und anspruchsvollen Pässe durch archaisch anmutende Landschaften wie im Oman wird man in den VAE vergeblich suchen.

Wir freuen uns diebisch, dass wir nun zu den Insidern gehören, und sind uns einig, dass dies nicht die letzte Reise in dieses wunderschöne Land war. Außerdem haben wir etwas gelernt: Man darf sich ­ruhig in die Wüste schicken lassen. Es muss eben nur die richtige sein ...

Autor: Jo Beckendorff / Dieter Wertz

© RoadBIKE : Ausgabe 03/2010

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