Die sechs schönsten Touren auf Mallorca

Trauminsel für Rennradfahrer: Mallorca

Einst ein Geheimtipp, heute das Eldorado für Rennradfahrer: Zehntausende pilgern jeden Frühling zum Trainingslager auf die Mittelmeerinsel, die ideale Bedingungen bietet. Fernab vom Ballermann erwartet Sie ein Traumhafter Saisonstart.

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Fotostrecke: Die vier schönsten Touren auf Mallorca

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Mallorca Südwesten Foto: Daniel Geiger
Rennrad-Tour auf Mallorca: Sa Calobra Foto: Daniel Geiger
Mallorca: "Zum Cap Formentor" Foto: Daniel Geiger

 

Mallorca: "Zum Cap Formentor"
Foto: Daniel Geiger Rund um Kloster Cura und Cap Formentor: traumhaft schöne Straßen.

Die sechs schönsten Touren auf Mallorca

Die ersten 1000 Kilometer flach und auf dem kleinen Blatt“, sagt Daniel zu seinem Nachbarn. „Ich bin froh, wenn ich überhaupt 500 schaffe“, entgegnet Jörn, der über den Winter sichtlich Hüftspeck angesetzt hat. Daneben sitzt ein Mann, nennen wir ihn Herr Schmidt. Herr Schmidt befindet sich weit in den Siebzigern und hört den beiden jungen Männern verstört zu. Jörn, Daniel und Herr Schmidt haben nicht viel gemeinsam, aber sie sitzen im gleichen Flieger und haben ein gemeinsames Ziel – Palma de Mallorca. Die einen sind Rennradfahrer der andere ist Rentner. Während die einen bereits im Flieger in ausführlichen Gesprächen und Fachsimpeleien dem Saisonstart entgegen fiebern, haben die anderen nur eines im Sinn: Klatschen bei der Landung. Danach trennen sich ihre Wege. Die Rentner zieht‘s zum Ballermann, Rennradfahrer wollen ballern, Mann!

„Warte, ich muss noch watt fahren, dat Laktat in den Beinen abbauen“, sagt Gerd zu uns, nachdem es mal wieder ein Tag wie jeder andere war. Fahren, bis der Arzt kommt – Vollgas und Kampfansage gegen die Kollegen. Jeder Tag ein „Rennen“ – und richtig Druck kriegt noch keiner aufs Pedal. Wir freuen uns auf unser Feierabendbier, aber Gerd muss noch „watt fahren“. Gut, Gerd, 63 Jahre, aus Recklinghausen ist anders als wir. Er fährt nur mit einem Kettenblatt, hinten mit fünf Ritzeln und lässt im Radkeller stolz jeden sein bestes Stück heben. „4,8 Kilo“, sagt er stolz – und hängt es an den Haken. Um den Hals hängt eine Kette: „Zwei Aspirin, falls ich mal watt mit der Pumpe habe.“

„Ich war schon achtmal auf Malle“, aber noch nie in Palma, erzählt Bernhard, 43 Jahre aus Ulm, beim Abendessen. Diesmal hat er zum erstenmal Uli – seine Frau – dabei und steht vor einem Kulturschock. Und Brian aus Torquay kommt jedes Jahr mit einer ganzen Gruppe von Engländern hierher. „Just for fun“, wie er sagt: „Wir wollen Rad fahren, aber völlig ohne Ehrgeiz.“

 

Rennrad-Tour auf Mallorca: Sa Calobra
Foto: Daniel Geiger Sa Calobra gehört zu den spektakulärsten Straßen Europas.

Hunderte warten auf den gemeinsamen Start in den Tag

Frisch rasierte und eingeölte Waden wollen nur eines: Glänzen – vor allem im Vergleich zu den Muckis des Nachbarn. Wenig später schwirren sie wie Bienenschwärme in alle Richtungen aus und bevölkern die ganze Insel.

Szenen eines Trainingslagers. Szenen aus dem mallorquinischen Frühling. „Malle“ ist das Revier aller Reviere und gehört mittlerweile zum Pflichtprogramm aller ambitionierten Rennradfahrer. Wer nicht zum Trainingslager auf Mallorca war, hat für den Rest der Saison schon verwachst. Die Insel bietet alles, was Rennradfahrer brauchen. Flache Strecken für die Grundlage, welliges Terrain für die Abwechslung und Berge, um die Frühform zu testen – alles auf perfektem Asphalt. Ein Rennradparadies.

Stur spult Gerd jeden Tag sein Trainingsprogramm herunter. Führt genau Buch, will immer schneller werden. „Ich hab auf der Insel noch nie watt anderes jesehen als dat Hinterrad vom Vordermann“, lacht er und ist dabei fast ein bisschen stolz. Bernhard aber hat ganz neue Erlebnise mit Uli. „Wir waren Tapas essen in Palma – fantastisch“, berichtet er vom vorigen Abend. Die beiden erleben genau das, was wahrscheinlich 99 Prozent aller Mallorca-Urlauber verwehrt bleibt: Die andere Seite der Insel, die schöne. Wer den Ballermann im Sinn hat und auf dem Rennrad nur ballert, wird sie nie erleben. Den Polizisten, der weder englisch noch deutsch spricht, aber herzerfrischend sympathisch mit Händen und Füßen Hilfe verspricht. Den Besitzer der kleinen Dorfbar, der wortlos noch eine Runde San Miguel hinstellt und eine Ablehnung als Beleidigung intepretieren würde. Den Café con lecche auf dem sonnigen Dorfplatz. Die Orangenbäume, die ihre reifen Früchte überall anpreisen. Den Serranoschinken beim Metzger. Und all das wirre Federvieh auf dem Markt in Sineu.

 

Rennrad-Tour auf Mallorca: Petra und Sineu
Foto: Daniel Geiger Auf weiten Ebenen können Rennradfahrer dahingleiten.

Die Touren führen durch die schönsten Teile der Insel

Wer‘s nicht mag, kann kompromisslos trainieren und fällt nicht einmal auf dabei. Wer‘s mag, kann aber auf Entdeckungsreise gehen. Den Blick nach links und nach rechts schweifen lassen. Die Lieblingstouren der RoadBIKE-Redaktion auf den folgenden Seiten lassen beides zu. Effektives Training und genussvolles Radfahren. Den Marktplatz in Petra lernen nur die kennen, die nicht im Gruppetto durch die Ortschaft rauschen. Den Wind am Cap Formentor spüren nur die, die am weißen Leuchtturm eine Rast machen, anstatt gleich umzukehren. Mehr Mallorca erfahren nur die, die Ecken ansteuern, die auf keiner der „klassischen“ Routen zu finden sind, die auch mal Umwege wagen. Der malerische Hafen Cala Figuera im Südosten etwa oder die wunderschöne Bucht bei Sant Elm im Südwesten. Aber es spricht natürlich auch überhaupt nichts dagegen, die Routen mit Vollgas und gefletschten Zähnen abzufahren.

Die Touren führen durch die schönsten Teile der Insel, über die anspruchsvollsten und spektakulärsten Pässe. Wer die Tour über Orient, Puig Major und Sa Calobra fährt, hat danach über 4000 Höhenmeter in den Beinen stecken. Zu viel? Auch kein Problem. Lassen Sie Abstecher wie den nach Sa Calobra einfach weg. Oder fahren Sie ganz locker eine der Flachetappen. Die Tour über Petra und Sineu ist traumhaft schön und für jeden Rennradfahrer mit etwas Grundkondition zu schaffen. Sie haben ja genügend Zeit im Urlaub.

Zum Cap Formentor müssen Sie einfach hin – am besten, nachdem Sie sich davor im Tramuntanagebirge ausgetobt haben. Die Route im Osten dagegen ist eher etwas für Genießer. Sanft geht die Route ständig auf und ab – und führt hin und wieder direkt ans Meer. Wunderschön! Und wenn Sie mal morgens am Ballermann versumpft sind, können Sie auf der Tour von El Arenal nach Petra und wieder zurück wunderbar rollen. Verpassen Sie aber nicht den Aufstieg zum Kloster Lluc – aus sportlichen und kulturellen Gründen. Von dort öffnet sich eine fantastische Aussicht auf die ganze Insel, bevor eine rauschend Abfahrt auf Sie wartet. Krönender Abschluss Ihres Mallorca-Aufenthaltes ist die Runde im Südwesten, auf der Sie – wenn Sie spät unterwegs sind – eine herrliche Abendstimmung mitnehmen können.

Fahren Sie Rennrad, und genießen Sie Ihren Malle-Aufenthalt. Wenn Sie trainieren wollen, machen Sie‘s so wie Gerd – vielleicht ohne die beiden Aspirin. Wenn Sie trainieren und genießen wollen, denken Sie an Bernhard und Uli, die Mallorca auf einmal von einer ganz neuen Seite kennenlernen und wissen, dass Mallorca viel mehr zu bieten hat als Ballermann und die besten Bedingungen zum Ballern. Denken Sie aber – wenn Sie wieder nach Hause müssen – bitte nicht an Herrn Schmidt, und klatschen Sie nicht, wenn Ihr Flieger wieder auf heimischem Boden aufsetzt.


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15.03.2008
Autor: Jens Vögele
© RoadBIKE
Ausgabe 4/2007