Die schönsten Rennrad-Touren auf Teneriffa

Teneriffa-Reportage: Wolkenkratzer

Ein Kanaren-Trip mit dem Rennrad lohnt sich immer, vor allem im Winter. Auf Teneriffa sollten Sie aber gut in Form sein, denn hier geht es meistens hoch hinaus.

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Fotostrecke: Teneriffa – die schönsten Rennrad-Impressionen

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Teneriffa Foto: Daniel Geiger
Teneriffa Foto: Daniel Geiger
Teneriffa Foto: Daniel Geiger

Kurve um Kurve windet sich das ewig anmutende Sträßchen gen Himmel. Mit jedem Kilometerstein scheinen wir eine andere Vegetationszone zu erreichen, so steil ist es hier. Bananenplantagen wechseln sich mit subtropischen Farnen ab, ehe Weinreben trockenere Gefilde markieren.

Die 30 Zentimeter langen Nadeln der Kanarischen Kiefern kündigen atmosphärisch reine Luft an. Schließlich spuckt uns ein Nebelmeer in einem von Lavabrocken durchsetzten Vulkanfeld aus. Das alles geht ziemlich schnell – und sehr bequem. Bequem? Genau! Denn wir machen die 2000 Höhenmeter von der Küste aus in den Sitzen eines ­Linienbusses.

Teide-Nationalpark, Teneriffa: Willkommen im Land der hohen Berge, der unendlichen Schluchten und der 20-Prozent-Anstiege. Kann das ein gutes Pflaster für Rennradfahrer sein? Spaniens höchster Berg, der 3718 Meter hohe Teide-Vulkan, beherrscht mit seinem in den Himmel ragenden Gipfel jeden Winkel der größten Kanareninsel.

Die protzt geradezu mit ­Superlativen, besser gesagt: mit super ­Extremen. Von Profi-Teams weiß man, dass sie das knapp 2500 Meter hohe Plateau, ein 17 Kilometer langes Kraterfeld, eines der größten der Welt, regelmäßig als ­Höhentrainings-Basis wählen. Doch taugt ­Teneriffa auch uns Tourenradlern?

Je mehr wir uns dem Vulkan nähern, desto unruhiger rutsche ich auf dem Bussessel hin und her. Zugegeben: Die Wahl, unsere Rennräder im Gepäckraum eines Linienbusses zu verstauen und in kompletter Montur die Qualen des Anstiegs mit einem 2,25-€-Ticket einzutauschen, ist nicht gerade konventionell.

Doch unser Plan, den legendären Teide zu umrunden (Tour 3), erfordert eben ungewöhnliche, ­realitätsnahe Maßnahmen. Schließlich warten von unserem Startpunkt El Portillo noch knapp 100 Kilometer und mehr als 1000 Höhenmeter bis zum Ziel, die Küstenstadt Puerto de la Cruz. Für eine Tour im Winter nicht gerade ein Pappenstiel.

Der Tipp unseres Tourenguides Ralf sollte sich als goldrichtig erweisen. Genau hier, wo die Profis ihre Grundlagen-Einheiten abspulen, starten wir zu einem von vielen Highlights unserer Teneriffa-Tourenwoche. Und so rollen wir nach einem leckeren Cortado munter drauflos gen Süden, immer in Richtung der Talstation der Teide-Seilbahn. Doch „flach“ scheint auch hier oben relativ zu sein: Über 300 Höhenmeter legen wir von einem bis zum anderen Kraterende zurück.

Wir passieren das berühmte Hotel El Parador, wo die Profi-Teams untergebracht sind, und biegen ab gen Nordwesten. Bereits nach 21 Kilometern haut uns die unglaubliche Aussicht sprichwörtlich fast vom „Hocker“: Die drei Nachbarinseln La Palma, La Gomera und El Hierro liegen uns zu Füßen. Hawaii-Feeling stellt sich auf der Straße ein, die ­inmitten frischer Lavafelder kerzengerade zum Horizont führt.

Teneriffa ist ein Ganzjahresziel. Die „Insel des ewigen Frühlings“, wie sie auch genannt wird, verwöhnt selbst im Winter mit milden Temperaturen um 20 Grad. Kein Wunder: Das kanarische Archipel liegt auf Höhe Südmarokkos. Doch ebenso wie auf den anderen der Kanarischen Inseln ist die Vegetation auch auf Teneriffa zweigeteilt: Grüne, teils suptropische Verhältnisse prägen die immergrünen Steilhänge der Nordküste, trockene und karge Flächen die Südküste.

Alles andere als subtropisch fühlt sich die Abfahrt nach Puerto de la Cruz an: Über Santiago del Teide, Los Llanos und Icod vollenden wir die erste Tour mit gehörigem Nordwind, dafür weiteren sensationellen Ausblicken ins steile Teno-Gebirge. Peu à peu haben sich mehr Höhenmeter hinzugesellt als gedacht. Auch im Nordwesten wird die Insel ihrem Ruf als nimmer flaches Terrain gerecht.

Der Vulkan zieht uns auch in den folgenden Tagen in den Bann. Nach einer kräftezehrenden Tour im Teno-Gebirge und einem relativ flachen Ritt im Süden starten wir heute von La Esperanza hinauf aufs Plateau: 64 Kilometer und 1700 Höhenmeter stehen an. Die Kammstraße soll mit diversen Aussichtspunkten eine lohnenswerte Tour sein. Und wie ein Magnet zieht uns der Teide auch hier an. Kehre für Kehre windet sich das Sträßchen empor.

Im Schatten dichter Bäume kämpfen wir uns die ersten 16 Kilometer knapp 900 Höhenmeter hoch. Nagelneuer Belag macht die Steigungen erträglich – wie auch in weiten Teilen des Anaga-Gebirges verblüfft uns die Top-Straßenqualität auf Teneriffa: EU-Fördermittel gelangen auch bis in den letzten Winkel des europäischen Außenpostens – schön für uns.

Auf 1900 Meter über dem Meer lassen wir die Baumgrenze unter uns: Die Nordseite liegt wie so oft unter einer dicken Wolkendecke, was unser Teide-Erlebnis noch intensiviert. Wie ein mystischer Pfeiler ragt die obere Hälfte heraus. Dahinter: die Bergspitzen von La Palma, im Südwesten grüßt Gran Canaria. Kolumbus sah in dem Berg einen Pfeiler der Macht. Für die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, wohnte dem Teide ein böser Geist inne, der dem Land die Sonne stahl.

Spätestens in Höhe des Planetariums haben wir alle bösen Geister – die die vielen Stiche hinauf veranlasst haben müssen – vertrieben: Bis El Portillo, unserem Umkehrpunkt, sind es nur noch wenige Kilometer. Vergessen sind die Strapazen jenseits der Wolken. Zahlreiche Reisebusse bringen begeisterte ­Pauschaltouristen hierher, die sich wie wir an dem Naturschauspiel kaum sattsehen und -knipsen können.

Nach vier Touren innerhalb von sieben Tagen sind wir letztlich ganz schön bedient. Dabei haben wir die ganz krassen Routen sogar ausgelassen. Haben uns wohlweislich für die Light-Varianten entschieden. Wer nach Teneriffa reist, sollte neben den bergigen Touren den Zeitpunkt wohl bedacht wählen: Im Frühjahr Grundlagen zu trainieren, setzt ein solides Niveau voraus. „Der eigentliche Geheimtipp ist der Herbst: Dann sind noch nicht viele Touristen hier, das Wetter ist super, die Temperaturen perfekt“, empfiehlt unser Guide Ralf. Wir werden es uns merken.


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26.10.2011
Autor: Jochen Haar
© RoadBIKE
Ausgabe 02/2010