Rennrad-Touren rund um Gstaad

Heile Welt

In seiner Freizeit soll Gott das Saanenland erschaffen haben. Wer die pittoreske Region im Berner Oberland mit dem Rennrad erkundet, möchte fast daran glauben.

Da soll doch noch mal jemand sagen, die Schweizer hätten keinen Humor. Zumindest in Gstaad beweisen sie eindrucksvoll das Gegenteil. „Come up and slow down“, mit diesem Motto wirbt man hier um Touristen. Ob die Marketingstrategen bei dem Slogan speziell die Radsportler im Blick hatten? Man weiß es nicht.

Sollten sie sich allerdings tatsächlich auf die teils mehr als 20 Prozent steilen Rampen in der Region beziehen, hätten sie ganze Arbeit geleistet. Denn da slowt der Radsportler beim Hochkommen automatisch down. Nur die volle Entspannung, die will sich dabei irgendwie nicht so richtig einstellen.

Zumindest nicht bei mir, solange es bergan geht mit dem Rennvelo, wie sie hier sagen. Und bergan geht es oft. Aber so gehört sich das ja schließlich auch für die Alpen, die ich hier, im Saanerland, an der Seite von meinem Guide Patrick unter die Räder nehme.

Gstaad, eine schillernde Blüte des Jetsets. Hier gibt sich die High Society ihr Stelldichein, die großen Stars treffen sich da, vor allem aber die Reichen der Reichen. Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone etwa, Pop-Ikone Madonna oder Prinz Albert von Monaco – und wie sie sonst noch alle heißen.

Dazu ein weltberühmtes Tennisturnier, große Konzerte – und Kühe. Jede Menge Kühe! Rund 7000 sollen es sein – und damit genau so viele wie Einwohner.

Aber Radsport? Der fristet hier bislang doch eher ein Schattendasein. Oft werden wir mit großem Interesse beäugt, wenn wir mit unseren Maschinen vorbeisausen oder zur Rast einkehren. Es ist allerdings weniger das Interesse des Kenners, das uns entgegenschlägt. Eher Neugier: Was sind das für Männer mit diesen eng anliegenden Klamotten und den filigranen Fahrrädern?

Doch das soll sich ändern. Seit einigen Jahren drückt die Region beim Thema Radsport aufs Gas – beziehungsweise auf die Kurbel. Die Chancen stehen gut, denn Gstaad und das umgebende Saanenland haben einige Trümpfe zu bieten, wie mir die Touren mit Patrick eindrucksvoll beweisen.

Die traumhaft schmalen Bergstraßen etwa, auf denen meist keine zwei Autos nebeneinander passen. Wer mit dem Vierrad unterwegs ist, muss bei Gegenverkehr in die Haltebucht abbiegen. Mit dem Rennrad indes ist das natürlich kein Problem, zumal sich der Verkehr hier oben ohnehin in Grenzen hält.

Bezaubernd auch die schöne Landschaft – ohne die für die Alpen oft so typischen Bausünden. Wer hier baut, der muss sich streng an den Chalet-Stil halten – so er denn überhaupt eine Genehmigung erhält. Die Architektur mit flachem Satteldach und Holzverkleidung lässt selbst etwas zu groß geratene Gebäude harmonisch ins Alpenpanorama einfließen.

Und dieses Panorama ist vielleicht das größte Highlight. Der Blick wandert über die üppigen, in allen Farben schillernden Blumenwiesen, über grüne Wälder und schließlich die weißen Bergkuppen. Untermalt wird die Szenerie vom allgegenwärtigen Spiel der Kuhglocken. Vor diesem Hintergrund kann der Radsportler für einen kurzen Moment vergessen, dass die Welt eigentlich nicht ganz so perfekt ist, wie sie sich hier präsentiert.

Und als wäre das nicht genug, fahren wir nach der nächsten Kurve auch noch direkt in einen Wasserfall. Zumindest scheint es kurz so, bevor die Straße dann doch noch eine Kurve runter zum idyllischen Lauenensee nimmt. Der so schön ist, dass es fast kitschig wirkt ...

Einziges Manko: Die Heile-Welt-Atmosphäre gibt es nicht umsonst. Ist doch die Schweiz, speziell seit der jüngsten Franken-Aufwertung, leider etwas teuer.

Und so röhrt dem Radsportler dann eben beim Anstieg auf den 1546 Meter hohen Col du Pilon auch mal ein Bugatti Veyron entgegen, ein 16-Zylinder-Supersportwagen, dessen Preis weit jenseits der Million liegt. Doch das laute Geschoss ist in der Idylle des Örtchens Gsteig schnell vergessen.

Und spätestens beim spontanen Zwischenstopp beim Milchbauern kurz vor der Passhöhe fühlt sich der Radsportler wieder ganz auf der Erde. Von kleinen, ehrlichen Bergbetrieben wie diesen kommt die Milch für den Alpkäse, für den die Region bekannt ist.

Reift er länger als 12 Monate, adelt ihn das zum Hobelkäse. Dann wird Scheibe für Scheibe vom Laib gehobelt und zusammengerollt gegessen. Einfach pur oder als Beilage, etwa im Salat. Wir begnügen uns vorerst mit einem Glas frisch gezapfter Milch zur Stärkung und erklimmen den Col du Pillon. Beim Blick auf den benachbarten Col de la Croix verrät Patrick, dass hier auch die Profis regelmäßig entlangrollen, etwa bei der Tour de Suisse oder bei der Tour de Romandie.

Patricks persönlicher Favorit in der Region ist allerdings der 2252 Meter hohe Col du Sanetsch. Traumhaft schön windet sich die kaum befahrene Straße vom benachbarten Wallis aus bis zum Stausee, 24 Kilometer lang, 1750 Meter hoch, eine der härtesten Radsport-Herausforderungen der gesamten Schweizer Alpen. Klitzekleiner Nachteil: Die Straße endet am Stausee, von hier aus geht es für den Radsportler nur per Seilbahn weiter Richtung Gsteig.

Zum finalen Höhepunkt zum Abschluss unserer Tour serviert Patrick noch einen touristischen Leckerbissen. In den Wiesen oberhalb der Stadt liegt die Käsegrotte, das Vorzeigelager der Molkerei Gstaad. In den Tiefen eines ehemaligen Wasserreservoirs reifen rund 3000 Laib Hobelkäse. Wie eine Kathedrale des Käses wirkt die unter einer schlichten Luke versteckte Stätte, zumal der Besuch von klassischer Musik untermalt wird. Das Aroma des reifenden Käses dringt tief in die Lunge. Nach diesem Pflichtstopp für Käse-Fans wartet eine letzte, rasante Abfahrt nach Gstaad auf uns. Ich bin in meinem Element. „Come up and race down.“ Na also, geht doch!

17.08.2015
Autor: Felix Krakow
© RoadBIKE