Triathlon-Langdistanz: Alles auf Roth


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Triathlon Challenge Roth 2015
Foto: Alexander Karelly

 

Triathlon Challenge Roth 2015
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Triathlon Challenge Roth 2015
Foto: Alexander Karelly

 

Triathlon Challenge Roth 2015
Foto: Alexander Karelly
Was ist härter – ein Rennrad-Marathon in den Alpen oder ein Triathlon mit 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen? RoadBIKE-Autor Nils Flieshardt hat’s ausprobiert: beim Challenge Roth.

Normalerweise macht Sternegucken ja glücklich. Die funkelnden Punkte strahlen das Gegenteil von Hektik aus, und dadurch beruhigen sie weltweit Milliarden von Fans ungemein. Doch leider gilt dieses Phänomen nur für die Stars des Nachthimmels. Die Sterne, die ich gerade sehe, machen mich überaus nervös. Denn erstens ist es hellichter Tag. Und zweitens sitze ich in Aero-Haltung mit fast 40 Sachen auf einem Fahrrad.

Es ist eine typische „Das-kommt-davon-Situation“. Von der Hitze. Von meinem zu schnellen Anfangstempo. Von meinem ausbaufähigen Fitnesszustand ... Doch ganz grundsätzlich habe ich mir mein aktuelles Dilemma dadurch eingebrockt, dass ich dazu neige, mir fatale Fragen zu stellen, wenn ich Ausdauersport treibe.

Ob man aus der kalten Hose einen Marathon laufen kann, zum Beispiel (die Antwort lautet Ja). Oder wie es sich anfühlt, über die komplette Distanz von Paris–Roubaix zu rumpeln (schlimm). Oder eben, und das bringt mich hierher, ob man als mäßig begabter Rennrad-Marathonfahrer eine Triathlon-Langdistanz schaffen kann.

Die Antwort ist knifflig: Nach meinen eigenen Langstreckenerfahrungen auf dem Rennrad brauchen langsame Finisher, also Fahrer wie ich, zwischen 12 und 14 Stunden für rund 250 Kilometer mit ein paar tausend Höhenmetern. Und in etwa die gleiche Zeit, das ergab meine unter Sauerstoffschuld aufgestellte Milchmädchenrechnung, dürfte man auf einer relativ flachen Triathlon-Langstrecke zubringen.

 

Foto: Alexander Karelly

Für die 3,8 Kilometer Schwimmen hatte ich, angesichts meines damaligen Nichtschwimmerstatus in Sachen Kraul, mal grob 2 Stunden eingeplant. Mehr ging leider nicht, da sonst schon im Wasser das Zeitlimit gedroht hätte. 180 flache Radkilometer sollten in höchstens 7 Stunden machbar sein. Was bei einem Zeitlimit von 15 Stunden und einer großzügig angesetzten Gesamt-Wechselzeit von 30 Minuten 5:30 Stunden Rest bedeuten würde. 5:30 Stunden für 42,195 – ohne Zweifel – furchtbare Laufkilometer.

Wäre das machbar? Ich entschied mich, die Frage mit einem zutiefst überzeugten „geht schon irgendwie“ zu beantworten. Und um aus der Theorie Gewissheit zu machen, meldete ich mich im Sommer 2014 für den Chal­lenge Roth an. Den „Ötztaler des Triathlons“.

Training, das petzten meine Blutwerte bei einer Leistungsdiagnostik im November, hatte ich, wenig überraschend, dringend und in großem Umfang nötig. Doch um mich nicht zu verschrecken, ging mein Coach Stefan Zelle vom Frankfurter Radlabor äußerst listig vor. Häppchenweise servierte er mir lediglich Wochen-Trainingspläne, so dass mir das komplette Elend nie wirklich vor Augen geführt wurde.

Zwar kam mir das, was Stefan als „notwendigen Minimalaufwand“ verkaufte, schon hart genug vor, doch was mich rückblickend wirklich mürbe machte, war die Dauer der Vorbereitung. 7 Monate gezieltes Training, in denen praktisch jede Woche intensiver wird als die Woche zuvor, sind eine Zumutung. Für den Sportler, für die Familie und irgendwann auch für den Arbeitgeber. Denn mal ehrlich: Der Chef weiß zwar im Idealfall nichts von seinem Pech, aber wenn man nach einer Tempo-Einheit in der Mittagspause noch produktiv arbeiten könnte, bräuchte man ja gar nicht mehr zu trainieren.

 

Und eigentlich ist es am Ende auch egal, wie viel man gemacht hat. Denn von den 3409 Einzelstartern, die mit mir im Morgengrauen durch die Wechselzone am Main-Donau-Kanal wuseln, macht kein einziger ein Gesicht, das sagt: „Ich bin in Top-Form. Lass uns loslegen.“ Zweifel, das habe ich in den zurückliegenden Monaten lernen müssen, sind ständige Begleiter des Triathleten. Und ganz egal, mit wie viel Bewegungs- oder auch Verdrängungstalent man gesegnet sein mag, spätestens kurz vor dem Startschuss lassen sie sich nicht mehr ignorieren.

Bei mir dauert es genau bis 7:40 Uhr. Als ich 15 Minuten vor dem Start meiner Welle in den Wartebereich tapse, muss ich mich zwingen, 3-mal tief durchzuatmen. Prüfungsangst! Bin ich dazu bereit, 3,8 Kilometer im Freiwasser zu kraulen? Ich habe keine Ahnung.

 

Foto: Alexander Karelly

Ich kicke meine alten Badeschlappen zu den Hunderten Paaren, deren Besitzer bereits im Kanal verschwunden sind, und gehe ihnen hinterher. Das Wasser ist lauwarm: 22,3 °C. Noch 60 Se­kunden. Aus den Boxen dröhnt das Star-Wars-Thema. Möge die Macht mit uns sein.

Ein Knall schickt uns ins Abenteuer, und vom Start weg versuche ich, mich aus allen Schlägereien rauszuhalten. Immer schön am Rand schwimmen, ruhig atmen und den Kopf ausschalten. Ab und an muss ich einen überholenden Querschwimmer aus dem Weg schieben, aber meistens habe ich freie Bahn.

 

Foto: Alexander Karelly

Die erste Überraschung des Tages: Das Schwimmen fühlt sich zum ersten Mal irgendwie okay an. Ein Hoch auf die Erfinder des Neoprens und diejenigen, die es zu so wunderbar auftreibenden Anziehluftmatratzen zusammennähen. Zweifel? Pah! Offenbar abgehängt. Noch einmal geht es unter der Kanalbrücke durch, auf der sich die Zuschauer in Fünferreihen drängeln, dann kann ich den ersten Haken machen. Mission Schwimmen nach „nur“ 1:27:57 Stunden erledigt.

Wenig elegant patsche ich auf das Wechselzelt zu, schäle mich ungelenk aus dem Neo, halte wie beim Stopptanz inne, um einem Krampf zu verhindern, schlüpfe in Socken und Radschuhe, und nach gut 5 Minuten sitze ich klatschnass auf der Maschine.

Endlich die Paradedisziplin. Also theoretisch. Aber auch praktisch fühlt sich das Pedalieren prächtig an. „Nicht überziehen“, hallt es mahnend durch meinen ausgeschalteten Kopf. „Unterschätze die Strecke nicht ...“ Es sind die Stimmen erfahrener Roth-Starter, die ich im Vorfeld um Tipps gebeten habe. Und ich würde sie auch wirklich gerne beherzigen, aber der Mann vor mir fährt nun mal einen Tick zu langsam. Also überholen. Und den nächsten auch, denn wenn ich jetzt einschere, ist das verbotenes Windschattenfahren. Dasselbe gilt beim übernächsten, und auch beim überübernächsten ...

 

Foto: Alexander Karelly

Ich fliege fast durchs Fränkische Seenland. Immer wellig auf und ab, aber ohne echte Berge, die einem gefährlich werden könnten. 35er-Schnitt. Läuft gut! Dass diese Einstellung und das unfassbar dämliche Ignorieren der Wattzahl auf meinem Radcomputer in Kombination mit zunehmender Hitze und aufkommendem Starkwind zu einem Meet and Greet mit dem Hammermann führen wird, kann ich mir in diesem Moment bei bestem Willen nicht vorstellen.

Zu sehr bin ich auf den berühmten Solarer Berg gespannt. Einer der Gründe für Roths Ruf als stimmungsvollste Langstrecke der Welt. Zehntausende Zuschauer sollen hier Tour-Feeling vom Feinsten verbreiten. Und als ich in den schnurgeraden Anstieg einbiege, ist schlagartig klar: Keine noch so ausgeschmückte Geschichte zu diesem Spot ist übertrieben. Wahn. Sinn.

Dass mir – jetzt kann ich es ja zugeben – schon kurz danach schummrig wird, ist ein extrem schlechtes Zeichen, und das weiß ich auch. Was mir jedoch so schleierhaft ist wie die aktuelle Sicht, ist der Grund für die Sehstörung. Brav habe ich alle 10 Minuten an meinem hoch dosierten Kohlenhydrat-Getränk genuckelt, das mir meine Ernährungsberaterin Caroline gemixt hat. Daran kann es nicht liegen, und Wasser habe ich bei der verdammten Hitze doch auch genug getrunken, oder?

 

Foto: Alexander Karelly

Hitze ... Wasser ... Endlich macht es „klick“, und ich gieße mir eine komplette Flasche über den Kopf. Nach einem kurzen Japsen kehren die Lebensgeister zurück. Problem erkannt, Problem, zumindest kurzzeitig, gebannt. Doch richtig erholen kann ich mich von meinem Anfängerfehler nicht mehr.

Die zweite Runde wird ein einziger Kampf. 23er-Schnitt. Läuft überhaupt nicht mehr. Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: Laufen. Wie in Gottes Namen soll das gleich funktionieren? Ich hatte mir bewusst keine Zielzeit vorgenommen, aber aus dem Marathon eine Wanderung machen? Niemals! Dabei erscheint mir selbst ein Spaziergang wie eine nicht zu bewältigende Aufgabe, als ich nach 180 Kilometern endlich vom Rad klettern darf.

Hier ist Schluss für mich. Das ist eigentlich ganz klar, doch komischerweise höre ich mich das nicht sagen. Ich sage überhaupt nichts. Lasse mich willenlos zu meinem Klamottenbeutel führen und wanke einer jungen Frau hinterher, die mich zu einer Bierbank geleitet. Sitzen. Wie herrlich! „Möchtest du eingecremt werden?“ Ich nicke. „Möchtest du die Kappe aufsetzen?“ Ich zucke mit den Schultern. Soll ich? Diesmal nickt sie. Sie hilft mir noch, meine Schuhe anzuziehen, wünscht mir viel Glück und entschwindet zum nächsten hoffnungslosen Fall, der ihr in die Arme stolpert. Ich schüttle den Kopf, stemme mich mit vermeintlich letzter Kraft von der Bank hoch und beginne, einen Marathon zu laufen. Verrückt.

 

Foto: Lupi Spuma

Es dauert nur ein paar Minuten, bis mir die ersten Tränen über die Wangen rinnen. Einfach so. Emotionaler Ausnahmezustand. Fremde Menschen rufen mit echter Begeisterung meinen Namen, der zum Glück auf meiner Startnummer steht. Ein Amerikaner trabt neben mir her und coacht mich mit beschwörender Flüsterstimme: “Great pace, Nils. You‘re still looking good. Come on!” Manche Lügen sind einfach zu schön, um sie nicht zu glauben.

Ich schleppe mich von einer Verpflegungsstation zur nächsten, doch genau bei Kilometer 21 geht nichts mehr. Wieder sehe ich Sterne und bekomme es mit der Angst zu tun. „Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden“, denke ich und beginne zu gehen. Nur einen Kilometer ... Ich fühle mich schäbig. Körperlich sowieso, aber auch mental, denn für Wanderer gibt es keinen Applaus vom Streckenrand.

Beim 22er-Schild zwinge ich mich, wieder anzutraben. Wie eine Dampflok setze ich mich quälend langsam in Bewegung. Einen Fuß vor den anderen, und irgendwann geht mein Schlurfen sogar wieder als Laufen durch. Und plötzlich, so klischeehaft es auch klingen mag, beginnt der Wahnsinn wieder Spaß zu machen.

Vielleicht sind es die geschmiedeten Allianzen unter den Mitläufern, die das Leid teilen. Vielleicht ist es die Gewissheit, endlich den letzten Wendepunkt passiert zu haben. Ich weiß auf einmal, dass ich das Ding im Sack habe. Dass es nicht mehr lange dauert, bis alles gut wird.

 

Foto: Alexander Karelly

Der Rest ist einfach so dermaßen großes Kino, dass sich sämtliche Radveranstaltungen ihre Scheiben abschneiden könnten, und es bliebe immer noch genügend Wow übrig. Spaliere an den Straßen, roter Teppich und ein Stadion voller applaudierender Menschen. Das alles sorgt im Ziel für einen dieser Momente, von denen man sofort weiß, dass man sie garantiert nie vergessen wird.

Am Ende hat es 13 Stunden, 9 Minuten und 2 Sekunden gedauert, herauszufinden, ob man als mäßig begabter Rennrad-Marathonfahrer eine Langdistanz schaffen kann. War es hart? Sehr. War es härter als ein Alpen-Marathon? Schwer zu sagen. Ich weiß nur eins: Wenn Sie jemals mit dem Gedanken gespielt haben, es selbst zu probieren, dann sollten Sie über jenen Satz nachdenken, den ich seit meinem ersten Trainingstag auf einem Anhänger um den Hals trage: “Don’t lose the dreams inside your head. They are only there, until you’re dead.”

Die komplette RoadBIKE Ausgabe 09/2015 können Sie hier direkt bestellen: als Heft oder ePaper.

Fotostrecke: Test: 3 Triathlon-Rennräder für die Saison 2015

12 Bilder
RoadBIKE Scott Plasma Team Issue Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Scott Plasma Team Issue Trinksystem Foto: Benjamin Hahn
Foto: Benjamin Hahn
14.10.2015
Autor: Nils Flieshardt
© RoadBIKE
Ausgabe 9/2015