Tour de France 2016: Die große Langeweile

Das Team Sky mit Chris Froome im Gelben Trikot
Foto: TDW Sport
Das Team Sky betreibt eine FC Bayernisierung des Radsports: Die erdrückende Dominanz einer Mannschaft verringert die Attraktivität des Sports. Ein Kommentar von Moritz Pfeiffer.

Der Tour de France-Sommer: Das war einmal Fingernägel-kauen und auf-und-ab-hüpfen vor dem Fernseher, wenn der Lieblingsfahrer in den Bergen zu wilden Attacken blies oder sich Angriffen der Konkurrenz erwehren musste. In diesem Jahr war es über weite Strecken: gähnende Langeweile. Damit bei der Tour de France mal kurzzeitig des Zuschauers Puls in die Höhe schnellte, musste die Flamme Rouge in sich zusammenbrechen oder Spitzenreiter Chris Froome in Ermangelung eines fahrtüchtigen Untersatzes zum Jogger mutieren. Lief alles nach Plan, erstickte die schwarz-blaue Sky-Mannschaft jegliche Spannung im Keime. Und für Sky lief es oft nach Plan.

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Tour de France 2016 Etappe 17 Bern Foto: Sebastian Hohlbaum
Tour de France 2016 Etappe 17 Bern Foto: Sebastian Hohlbaum
Tour de France 2016 Etappe 17 Bern Foto: Sebastian Hohlbaum

Das übliche Bild in den Bergen: Aufgereiht vor Leader Froome schlägt eine Phalanx von Sky-Fahrern mit strengem Blick auf den Wattmesser ein Tempo an, das der Konkurrenz die Lust (und die Möglichkeit) auf Attacken nimmt. Ist ein Helfer körperlich am Ende, übernimmt der nächste. Attacken – so sie überhaupt kommen – werden stoisch niedergekurbelt. Auf den letzten, meist nur noch wenigen Kilometern bis zum Ziel distanziert der Chef persönlich die verbliebenen Rivalen.

Verdienter Sieger

Nicht, dass Missverständnisse aufkommen: Chris Froome hat natürlich nichts falsch gemacht, sondern überlegen und hochverdient die Tour de France gewonnen. Er war an allen Tagen stärker als die Konkurrenz und baute seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Er zeigte keine Schwäche in den Bergen, überstand auch Stürze und zeigte die beste Leistung in den Zeitfahren. Außerdem war er gedankenschneller, frecher als die anderen Favoriten: Seine Attacken in der Abfahrt des Col de Peyresourde oder auf der Windkante in Richtung Montpellier waren großer Sport.

 

Chris Froome im Gelben Trikot
Foto: TDW Sport

Doch Sky betreibt eine FC Bayernisierung des Radsports: Die totale – finanzielle wie sportliche – Dominanz der Gegner tut dem Sport unterm Strich nicht gut. Der Etat von geschätzten knapp 30 Millionen Euro liegt deutlich über dem der Konkurrenz. Sky verpflichtet Fahrer, die in anderen Mannschaften als Kapitäne fahren würden und reiht sie in die Helferriege Froomes ein. Das ist legitim und nachvollziehbar – trägt in letzter Konsequenz aber auch dazu bei, die Attraktivität des Sports zu verringern.

Schwächelnde Konkurrenz

Natürlich gründete die Stärke von Sky auch auf der Schwäche der Konkurrenz. Nairo Quintana erreichte nie sein Leistungsniveau aus dem Vorjahr (wo er allerdings in Alpe d´Huez ebenfalls an der Mannschaftsstärke Skys scheiterte, die ihrem schwächelnden Leader den Tour-Sieg rettete). Yates, Mollema und Co. waren mit den zwischenzeitlich erreichten Platzierungen zufrieden und orientierten sich eher nach hinten als nach vorne. Einzig Froomes ehemaliger Edelhelfer Richie Porte ging mehrfach in die Offensive, konnte aber dank des für ihn obligatorischen frühen Zeitverlusts niemals in den Kampf um den Gesamtsieg eingreifen. Froome selbst betonte ein ums andere Mal, wie stark die Konkurrenz sei und sich die Dominanz Skys damit erkläre, dass man im Gegensatz zu anderen Teams nur das Ziel Gesamtsieg verfolge, anstatt sich im Kampf um Etappensiege oder andere Wertungstrikots zu verzetteln. Ob diese Erklärung zutreffen mag oder nicht: Das hohe Grundtempo, das Sky der Konkurrenz aufzwang, verhinderte sogar einen verbisseneren Kampf um die Top-Ten-Platzierungen.

 

Das Team Sky mit Chris Froome im Gelben Trikot
Foto: TDW Sport

Es geht auch anders

Deutlich spannendere Szenen als die Tour de France lieferten zuletzt Giro d´Italia und Vuelta a España – wo Sky ohne Ambitionen am Start stand beziehungsweise selbiger früh beraubt wurde. Jeweils neunmal wechselten die Führungstrikots den Besitzer. Fahrer attackierten, brachen ein, kamen wieder zurück, im Sekundenpoker neigte sich die Waage mal zugunsten des einen, mal des anderen. Und der Kampf um den Gesamtsieg gipfelte erst auf der jeweils letzten Bergetappe, wo die späteren Sieger die Spitzenposition eroberten. Am Ende der drei Wochen hatten Zuschauer und Fahrer eine Achterbahn der Gefühle durchlebt.

Nichts davon zuletzt bei der Tour de France. Hier muss man schon die Austragungen der Jahre 2015 und 2016 zusammenzählen, um auf zumindest acht Wechsel an der Spitze der Gesamtwertung zu kommen. 1953 reagierten die Tour de France-Organisatoren in ähnlicher Situation radikal: Aus Angst, die totale Dominanz Fausto Coppis könne dem Ansehen des Rennens schaden, wurde der Vorjahressieger kurzerhand gar nicht erst zur Tour de France eingeladen. Soweit wird es im 21. Jahrhundert natürlich nicht kommen. Doch als Radsport-Fan wünscht man sich manchmal, das Team Sky und Chris Froome würden auch einmal eine Tour de France verlieren – oder den Sieg zumindest in einem spannenderen Rennverlauf erstreiten müssen.

Mehr zur Tour de France 2016 und dem Material, das die Profis fuhren, finden Sie ab 3. August in RoadBIKE, Ausgabe 09/2016.

25.07.2016
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE