Radsport auf der Rennstrecke

Belgischer Kreise: Auf der Formel-1-Rennstrecke in Zoldern

Mit dem Rennrad auf der Rennstrecke im belgischen Zoldern
Foto: Christian Lampe
Rennrad statt Formel 1: Auf der Rennstrecke im belgischen Zolder jagen auch Radsportler durch die Schikanen. RoadBIKE war dabei.

W o bleibt denn bloß diese verdammte Ziellinie?“ Schnaufend rase ich durch die belgische Nacht. Jetzt bloß nicht abreißen lassen! Die Muskeln brennen. Der Puls hämmert – jenseits der 180. Ich komme an die Grenze. Aber ich bin ja auch schon ganze 3,5 Kilometer gefahren. Auf einer nahezu topfebenen Runde. Mitten im Pulk rase ich durch die letzte Schikane, räubere über die Curbs. Dann sehe ich das Ziel. Geschafft! Hinter der Linie schalte ich einen Gang runter, lasse mich zurückfallen. Der Zug rauscht davon. Ohne mich. Aber halb so wild. Ist ja nur Training.

Das Land: Belgien, genauer Flandern. Der Ort: Heusden-Zolder. Die Strecke: der Circuit Zolder. Mein Rennrad-Freund Marc hatte mir von diesem besonderen Ort erzählt. Thema der Diskussion: Die spezifischen Nachteile der Ausführung des Straßenradsports nach Büroschluss, speziell in den Monaten Oktober bis Februar. Conclusio: Wenn wir abends endlich aufs Rad kommen, ist es längst dunkel – und damit auch verdammt gefährlich.

Nicht so in Zolder. Auf der ehemaligen Formel-1-Rennstrecke leuchten Flutlichtmasten die breite, perfekt asphaltierte 4-Kilometer-Runde aus. Autos gibt es hier auch nicht. Zumindest nicht dienstags bis donnerstags zwischen 18 und 21:30 Uhr. Dann gehört die Strecke den Radfahrern. „Von Köln aus bist du in anderthalb Stunden dort“, berichtete Marc – und beseitigte meine letzten Zweifel: „Da muss ich hin!“ Auch wenn ich sicherlich nicht jeden Abend nach Zolder pilgern werde.

 

Mit dem Rennrad auf der Rennstrecke im belgischen Zoldern
Foto: Christian Lampe Durch die Nacht: Zoldern ist dienstags bis donnerstags von 18:00-21:30 für Rennradfahrer geöffnet.

Ganz anders Sven, Tom und Jan. Drei Freunde und Arbeitskollegen aus Belgien, die in der Nähe der Rennstrecke wohnen. Sie kommen regelmäßig hierher, um zu trainieren. Speziell im Winter, denn die Strecke ist das ganze Jahr über geöffnet, außer bei Schnee und Eis. Sven, Tom und Jan sind Radsportler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der erste ein ganz „normaler“ Hobby-Radsportler. Der zweite ein schwer ambitionierter U23-Amateur mit Hoffnungen auf eine Profi-Karriere. Und der dritte: ein bierbäuchiger Mit-fünfziger, der augenscheinlich zu viel Zeit im Bürosessel und zu wenig Zeit im Sattel verbringt. Doch trotz der gewaltigen Unterschiede kommen hier alle auf ihre Kosten. „An guten Abenden sind hier 300, 400 Sportler unterwegs. Da findest du immer eine passende Gruppe“, erklärt Jan, der Hobbysportler.

Und U23-Crack Sven ergänzt: „Die Verhältnisse hier sind einfach perfekt. Du hast optimale Voraussetzungen, um mit einer ordentlichen Form ins Frühjahr zu gehen.“ Selbstredend kann diesem Punkt gerade hier, in Flandern, gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden. Schließlich befinden wir uns im Epizentrum der Frühjahrs-Klassiker – ganz gleich ob für Profis oder Jedermänner. Die „Ronde van Vlaanderen“ lässt grüßen.

Ein anderer, der an diesem Abend auf der Rennstrecke seine Runden dreht, trägt einen Namen, der wie gemacht scheint für einen Radsportler: Thierry Deflandre. Der 56-Jährige lässt es eher ruhig angehen. Kein Wunder, er befindet sich schließlich auf der Zielgeraden seiner ersten Rennrad-Saison. „Die vielen positiven Berichte und die Atmosphäre hier haben mich dazu gebracht“, verrät er. Aber woher weiß er von der Atmosphäre, wenn er doch früher kein Rennrad gefahren ist? „Ganz einfach: Ich bin hier der Chef.“ Eine eigene Rennstrecke. Wie praktisch.

„Der Radsport ist für uns mittlerweile ein wichtiger Faktor“, erklärt Deflandre, während wir Seite an Seite um den Kurs pedalieren. Er erzählt von den Anwohnern, die ständig über und gegen den Krach von Motorrädern und Rennwagen klagen. Immer strikter werden die Auflagen zur Lärmvermeidung. „Also brauchen wir leise Alternativen. Denn nichts schmerzt den Chef einer Rennstrecke so sehr, wie eine leere Rennstrecke.“ Deshalb gibt es Elektro-Autorennen. Vor der Boxengasse stehen ein paar streckeneigene Teslas. Deflan­dre selbst fährt einen Opel Ampera. Künftig will er die neue Formel E nach Zolder holen, die Formel 1 der E-Autos. Auch Elektro-Motocross steht auf dem Programm.

Und eben das Fahrrad. Mit der auf dem Gelände angesiedelten flämischen Radsport-Schule, geführt von dem belgischen Tour-de-France-Etappen­sieger Marc Wauters, bietet Zolder ein fantastisches Radsport-Angebot. Einen BMX- Parcours gibt es, dazu Rennrad- und Cyclocross-Training für den Nachwuchs. Im Dezember steigt hier ein Cyclocross-Weltcup-Rennen, 2015 kommt die BMX-WM nach Zolder. „Und in 2 Jahren soll hier drüben unser Velodrom stehen“, berichtet Deflandre, als er auf das alte Strecken-Hospital deutet. 19 Mil­lionen Euro lassen sie sich die 250-Meter-Indoor-Bahn
kosten.

„Unfassbar“, denke ich und träume von einem auch nur annähernd vergleichbaren Angebot in der Heimat. Vor
allem diese breite, ausgeleuchtete und verkehrsfreie Trainingsstrecke würde mir persönlich schwer gefallen, gerade im Winter. Da könnte ich den Jungs aus dem Verein im Frühling mal zeigen, wo der Hammer hängt. Andererseits: Hinterher wollen die dann womöglich auch auf der Strecke trainieren?

Ein Rauschen reißt mich aus meinen Gedanken. Von hinten naht der Zug. 60, 70 Fahrer stark, rast er mit einem Höllentempo auf mich zu. Ich halte kurz inne. Dann schalte ich hoch und steige ein. Der Puls: wieder auf 180.

Zoldern Fakten

Geöffnet für Radsportler ist die Strecke dienstags bis donnerstags von 18:00 bis 21:30 Uhr, vorausgesetzt es liegt kein Schnee. Der Eintritt kostet 3 Euro, die Saisonkarte gibt es für 49 Euro. Anwohner fahren umsonst. Auch Radrennen über 6, 12 und 24 Stunden werden hier ausgetragen. Infos: www.circuit-zolder.be

12.12.2014
Autor: Felix Krakow
© RoadBIKE
Ausgabe 12/2014