Paracycling-Athlet Steffen Warias

Steffen Warias: Der leise Krieger

Steffen Warias
Foto: Kilian Kreb
Bei den Paralympics in Rio de Janeiro kämpfen Sportler mit Handicap um Bronze, Silber und Gold. Zu den aussichtsreichsten Medaillenkandidaten auf dem Rad zählt Steffen Warias.

„Ich fahre nicht nach Rio, um 12. oder 13. zu werden.“ Der vielleicht lauteste Satz während des ganzen Gesprächs. Steffen Warias ist eher ein Mensch der leisen Töne. Ruhig, freundlich und bescheiden wirkt einer der erfolgreichsten Paracycling-Athleten Deutschlands, als RoadBIKE ihn wenige Wochen vor seinem Saisonhöhepunkt, den Paralympics in Rio de Janeiro, besucht.

Dabei reist Warias als großer Medaillenfavorit nach Südamerika. In der Paracycling-Klasse C3 hat er in den letzten Jahren fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab: 2 Weltmeister­titel, unzählige Welt- und Europacups sowie mehrere Deutsche Meisterschaften.

Doch bei allen Erfolgen und ungeachtet seiner spürbar großen Motivation bleibt Warias Realist: „Es wird schwierig. Die Strecken von Straßenrennen und Einzelzeitfahren sind überwiegend flach und windanfällig. Als guter Kletterer wäre mir ein schwerer Parcours natürlich lieber gewesen.“ Zudem geht es im Behinderten-Radsport immer professioneller zu, die Leistungsdichte steigt. „Früher sind alle alles gefahren, Bahn und Straße. Heute ist das kaum noch möglich, wenn man vorne dabei sein möchte. Ich spezialisiere mich deshalb auf die Straße.“

Steffen Warias: Vollblut-Sportler mit Handicap

Früher – damit meint Warias 2010. Quasi aus dem Nichts stößt der gebürtige Tübinger in die Weltspitze vor und wird in seiner ersten vollen Saison als Paracycling-Athlet gleich Straßenweltmeister. Leistungsdiagnostik, wattgesteuerte Intervalle, Höhentrainingslager – damals sind das alles noch Fremdwörter für Warias. Er ist eher der Typ begeisterter Vollblut-Rennradler. Ohne Trainingsplan, aber mit großem Talent – und einer körperlichen Einschränkung.

Bereits im Säuglingsalter werden bei Steffen Warias Fehlstellungen der Beine diagnostiziert: Die Füße sind nach innen verdreht – umgangssprachlich Klumpfüße. Mit 6 Monaten wird er operiert. An beiden Beinen werden die Achillessehnen verlängert, die Fehlstellungen korrigiert. Zurück bleiben steife Sprunggelenke und eine unterentwickelte Wadenmuskulatur. Zwar kann Warias normal gehen, doch seine Unterschenkel sind schmal wie Bleistifte.

Als er heranwächst, entwickelt Warias eine große Sportleidenschaft. Er probiert sich im Fußball und Judo, stellt aber schnell fest, dass er beim Radfahren am wenigsten gehandicapt ist. Mehr noch: Kaum jemand kann sein Hinterrad halten. Bei Mountainbike-Hobbyrennen landet er stets weit vorn, und als in der Nähe ein Straßenrennen ansteht, kauft er sich sein erstes Rennrad.

Warias wird Zweiter und ist von diesem Moment an infiziert mit dem Virus Straßenradsport. In den folgenden Jahren bestreitet er C-Lizenzrennen, fährt bei Radtourenfahrten (RTF) mit und finisht große Radmarathons wie Ötztaler oder Alb Extrem.

 

Steffen Warias
Foto: Kilian Kreb Steffen Warias' beeindruckende Medaillensammlung.

Doch obwohl ihn ein Bekannter schon 2006 auf die Paracycling-Rennszene aufmerksam macht, fällt Warias der Einstieg schwer. „Ich fühle mich nicht behindert, ich kenne es ja gar nicht anders. Deswegen brauchte ich Zeit, um mich heranzutasten“, erklärt er rückblickend. „Ich dachte gar nicht, dass ich beim Paracycling startberechtigt bin. Heute ist
der Einstieg leichter. Unter anderem gibt es Talenttage, um Menschen an den Behindertensport heranzuführen.“

Für Warias sind die Paralympischen Spiele 2008, die er am Fernseher verfolgt, ein wichtiger Anstoß. Er nimmt Kontakt auf mit dem damaligen Bundestrainer Adelbert Kromer und ist dort an der richtigen Adresse: Kromer prägt zwischen 1991 und 2011 maßgeblich den deutschen Behinderten-Radsport – und führt immer wieder Sportler an die internationale Spitze. So auch Steffen Warias. Spätestens als dieser 2010 das Regenbogentrikot des Straßenweltmeisters gewinnt, ist er in der Szene angekommen. Und er eilt von Sieg zu Sieg.

Das große Geld verdient man im Behinderten-Radsport jedoch nicht. „Es gibt einige wenige Paracycling-Athleten, die als Profis unterwegs sind, die Mehrheit geht aber einem Beruf nach“, erklärt Warias. Der studierte Chemiker arbeitet als Arzneimittelprüfer im Labor eines großen Pharmazieunternehmens in Basel. Ein Teilzeitjob, den Warias jedoch in Vollzeit ausübt. Die Überstunden baut er ab, wenn er bei Wettkämpfen unterwegs ist oder wenn Trainingslager anstehen. Die Differenz zu einem vollen Gehalt zahlt die Stiftung Deutsche Sporthilfe.

„Das verlangt viel Flexibilität und Verständnis vom Arbeitgeber“, räumt Warias ein, „aber meine Silbermedaille bei den Paralympics 2012 hat viele Türen geöffnet.“ Eigene Sponsorenverträge hat Warias hingegen nicht. Und obwohl er einer der erfolgreichsten deutschen Radsportler ist, stutzt er bei dieser Frage. Nein, ernsthaft verfolgt habe er das Thema noch nicht, und er sei auch nicht gut darin, Klinken zu putzen. Seinen Straßenrenner zahlt zum Teil Hersteller Cube, den Rest übernimmt ein langjähriger Freund und Tübinger Fahrradfachhändler. Weitere Materialkosten sowie Fahrt- und Startgeld für die C-Lizenzrennen, die er zur Vorbereitung fährt, trägt Warias selbst. Im Paralympics-Jahr stehen zudem 4 Trainingslager an, 2 davon bezahlt er selbst. Viel Geld aus eigener Tasche.

Wie ist so viel Bescheidenheit in Einklang zu bringen mit dem siegeshungrigen Rennfahrer, dem Freunde früh den Spitznamen Steve Warior verpassten – ein Wortspiel aus Warias’ Namen und dem englischen Begriff Warrior (Krieger). „Auf dem Rad bin ich ein anderer Typ als sonst, insbesondere im Wettkampf und ganz besonders beim Paracycling“, startet Warias den Versuch einer Erklärung, „da soll niemand vor mir ins Ziel kommen, der nicht auch tatsächlich stärker ist als ich.“

Professionelle Hilfe durch die Familie und das Erlebnis Rio

Die Gemeinschaft der Paracycling-Athleten und -Betreuer bezeichnet Warias mittlerweile als kleine Familie. „Man kennt und respektiert sich und trifft sich bei Wettkämpfen auf der ganzen Welt. Im Lauf der Zeit entstehen gute Freundschaften.“

Im Gegensatz zu Warias ist für eine Mehrheit der Sportler der Behinderten-Radsport wichtig, um das Trauma eines schweren Unfalls zu überwinden. „Der bekannteste Fall ist der ehemalige Formel-1-Pilot Alessandro Zanardi, der bei einem Motorsportunfall beide Beine verlor und in London Gold im Handbike gewann“, sagt Warias, „er ist ein regelrechter Star der Szene.“

Sportlich ist das Niveau seit Jahren konstant gestiegen. Professionelle Strukturen und Unterstützung für ihre Athleten bieten vor allem die Verbände aus Großbritannien, Kanada, Australien und China. „Doch auch in Deutschland müssen wir uns nicht verstecken“, betont Warias. Seit 2012 führt Patrick Kromer das Werk seines Vaters Adelbert fort – als erster hauptamtlich angestellter Paracycling-Bundestrainer beim Deutschen Behindertensportverband DBS. Ein Team aus Physiotherapeuten, Sportwissenschaftlern, Ärzten und Mechanikern unterstützt die 14 Paracycling-Athleten, die in Rio um Medaillen kämpfen werden.

Damit alles mit rechten Dingen zugeht, sind die Sportler strengen Anti-Doping-Regeln unterworfen. „Kontrollen bei den Wettkämpfen sind mittlerweile Standard“, erklärt Warias. „Wie alle anderen bin ich im ADAMS-Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur erfasst und muss ständig meine Aufenthaltsorte eintragen, um für unangekündigte Tests bereit zu stehen – anstrengend, aber alle Mühe wert!“ Obwohl es in der Vergangenheit – auch im deutschen Team – positive Tests gab, glaubt Warias an einen insgesamt sauberen Sport: „Ich weiß, wo ich ohne verbotene Hilfsmittel stehe. Erfolge gehen auch ohne Doping!“

Seit 2 Jahren sind die Spiele in Rio für Warias omnipräsent: Empfehlung, Qualifikation, Nominierung, Formaufbau. „Natürlich ordne ich dem Sport viel unter, und das soll auch über die Paralympics hinaus noch ein paar Jahre so bleiben“, fasst Warias zusammen. „Aber der Sport gibt mir auch sehr viel zurück – all die Reisen, Wettkämpfe, Erfolge und Freundschaften.“

Und gerade die Erlebnisse bei den Paralympics brennen sich tief ins Gedächtnis. „In London standen 20 000 Menschen an der Strecke, das war ein Wahnsinnsgefühl“, schwärmt Warias. „Auch bei den Bahnrennen war die Halle komplett voll. Der Moderator hat vor jedem Start die Menge zum Schweigen aufgefordert, da hätte man eine Stecknadel fallen hören. Dann tickten die letzten Sekunden mit lautem Piepsen herunter, und mit dem Startschuss haben die Zuschauer Vollgas gegeben, ein Höllenlärm. So was vergisst man nie wieder.“

In Rio möchte Warias dann auch bei der Eröffnungszeremonie ins Stadion einlaufen und die Entzündung des Feuers live erleben. „In London ging das nicht, da am nächsten Tag der erste Wettkampf anstand.“ Diesmal startet das Straßenrennen an der Copacabana erst eine Woche später. 50 bis 60 Fahrer werden am Start stehen, die Klassen C1 bis C3 fahren zusammen. 10 bis 12 Konkurrenten hat Warias besonders im Blick. „Und dann will ich eine Medaille, egal, welche Farbe.“ Gegen Ende des Gesprächs sagt der leise Krieger noch mal einen lauten Satz.

Anmerkung der Redaktion

Dieses Porträt erschien in RoadBIKE 10/2016 im Vorfeld der Paralympischen Spiele. In Rio de Janeiro gewann Warias die Goldmedaille im Straßenrennen der Kategorie C1-C3.

10.10.2016
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE