Mitgefahren: Maratona Dles Dolomites

Panorama auf dem Giau
Foto: RoadBIKE/Christian Brunker
138 Kilometer, mehr als 4000 Höhenmeter, fast 9000 Starter, einmalige Kulisse: Der Maratona Dles Dolomites feierte 2016 seine 30. Ausgabe - und RoadBIKE war dabei.

Der Killer ist eine Katze: Die "Mür di Giat" zwingt mich aus dem Pedal, die Beine wollen einfach nicht mehr. Ein Griff an die Absperrung verhindert den Sturz aus dem Stand, die 15% Steigung sind mehr als ich jetzt, nach 136 Kilometern und 4000 Höhenmetern, noch zu leisten vermag.

Dabei ist der finale "Anstieg" nur 300 Meter lang und es sind gerade einmal 50 Höhenmeter, die zu überwinden sind. Innerlich verfluche ich die Organisatoren, warum sie diese Rampe so kurz vor Schluss noch eingebaut haben. Zur Auslese der Sieganwärter mag dieser Hammer ja noch angehen, aber bei den Jedermännern, bei denen es um die Plätze 1000 und folgende geht?

 

Start beim Maratona Dles Dolomites
Foto: RoadBIKE/Christian Brunker Am Start beim Maratona.

Tiefhängende Wolken am Start

Denn die allermeisten Starter wollen ja nur - möglichst würdig - ankommen. Genau wie ich. Am Start ist die Hoffnung darauf noch groß, auch wenn die Vorbereitung lange nicht optimal war. Den erholsamen Schlaf vor dem Rennen hat das denkwürdige EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien gekostet, das erst kurz vor Mitternacht entschieden war. Bis ich mich nach diesem Adrenalinkick wieder heruntergefahren und in den Schlaf gefunden habe, ist 1 Uhr durch - und um 5 Uhr klingelt der Wecker.

Der morgendliche Blick aus dem Fenster ist etwas frustrierend. Statt des einmaligen Dolomiten-Panoramas verhüllen tiefhängende Wolken die Berge, drohender Regen macht die Bekleidungswahl noch schwieriger. Ich entscheide mich schließlich für Knie- und Armlinge, darüber die dünne Regenjacke, die Windweste kommt mit jeder Menge Energieriegeln in die Trikottasche. Zum Frühstück gibt es eine Banane und etwas vom leckeren Schoko-Hefeteig-Kuchen von gestern.

Am Start in La Vila machen ein paar ganz kleine blaue Schimmer am Himmel Hoffnung auf besseres Wetter oder zumindest ein regenfreies Rennen. Während ich auf den Startschuss warte, sehe ich mich um, gleiche meine Bekleidungswahl mit der der Kollegen ab. Einmal-Maleranzüge scheinen eine neue Mode zu sein, um sich am Start etwas warm zu halten, zumindest sehe ich eine handvoll Leute in diesen weißen, durchscheinenden Dingern aus dem Baumarkt zum Start rollen - wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sie wirklich warm halten. Auch aus Mülltüten haben sich manche eine Einmal-Startbekleidung gebastelt - was zwischen den ganzen sauteuren Rennrädern und dem anderen exklusiven Material irgendwie seltsam wirkt.

Jetzt gilt es!

Eine nette Dame im Dirndl versorgt die wartenden Starter noch mit Kaffee, ich freue mich über den Koffeinkick. Gleichzeitig ermahne ich mich eindringlich, an den ersten Pässen geduldig zu fahren und möglichst keine Körner unnötig zu verballern, vor den anstehenden 4000 Höhenmetern habe ich großen Respekt. Ein kurzes Interview mit Miguel Indurain, der irgendwo vorne stehen muss, vertreibt die Zeit bis es um Punkt 6.30 Uhr endlich losgeht. Jetzt gilt es. "138 Kilometer, 4000 Höhenmeter, here I come!", denke ich mir, als ich über die Starlinie rolle und die ersten Meter in Richtung Corvara und Campolongo in Angriff nehme. Die über dem Teilnehmerfeld kreisenden Helikopter und die anfeuernden Zuschauer hinter den Absperrungen verbreiten echtes Tour-Feeling, die ersten Höhenmeter stehen wie nichts auf dem Tacho. Auf den ersten Serpentinen oberhalb von Corvara blicke ich mich um, wie ein nicht enden wollender Lindwurm schlängeln sich die fast 9000 Teilnehmer nach oben. Die Kulisse ist einfach atemberaubend und ein absolutes Erlebnis.

Unterdessen sortiert sich das Feld, obwohl natürlich immer wieder höchstambitionierte Fahrer vorbeiknallen, fühle ich mich nicht gänzlich verloren und ziehe selbst auch an einigen anderen vorbei.

Hauptsache aero!?

Schnell ist die erste Passhöhe erreicht und das Feld geht in die erste Abfahrt. Noch freue ich mich über meine Scheibenbremsen (wird sich später etwas ändern), die mir auf der nassen Straße ein gutes Gefühl geben. Sie ermöglichen es mir sogar, ein paar Kollegen mit Carbonfelgen zu überholen. Apropos Laufräder: Ich wundere mich, wie viele hier mit Hochprofil-Laufrädern an den Start gegangen sind. Denn schon ein flüchtiger Blick auf das Streckenprofil macht klar, dass der Maratona eine einzige Berg- und Talfahrt ohne längere Überführungsabschnitte ist. Mit ihrem aerodynamischen Vorteil können sie so ihren Gewichtsnachteil gar nicht ausgleichen. Aber was solls, muss ja schließlich jeder selbst wissen. Auch, warum sie mit einem nahezu komplett geschlossenen Aerohelmen losgefahren sind.

Der zweite Pass des Tages ist der Passo di Pordoi und schon ein anderes Kaliber als der doch recht angenehme Campolongo. Aber noch sind die Akkus voll und die Beine fühlen sich gut an, als ich mich Kurve um Kurve die 650 Höhenmeter nach oben schraube. Immerhin hält das Wetter, sogar der blaue Himmel kommt zwischendurch mal raus. Die Sella-Gruppe bleibt jedoch wolkenverhangen - genauso wie das Grödner Joch, der vierte Pass des Tages. Die Passhöhe hängt in den Wolken, die Abfahrt nach Corvara geht durch den Nebel. Glücklicherweise fährt rund 150 Meter vor mir ein Fahrer in einem sehr gut sichtbaren pinkfarbenen Trikot, sodass man gut erkennen kann, ob die nächste Kurve nach rechts oder links geht.

Der Scharfrichter

Nach der zweiten Überquerung des Campolongo geht es endlich mal auf eine längere Abfahrt nach Selva di Cadore, fast 30 Kilometer geht es hinab bis zum Fuß des Passo di Giau, dem wirklichen Scharfrichter des Maratona. Vorher steht noch die Entscheidung an, ob ich wirklich die lange Runde fahren soll. Aber trotz der 2000 Höhenmeter, die ich mittlerweile in den Beinen habe, fühle ich mich gut und so zögere ich an der Abzweigung zur 108-km-Strecke nur ganz kurz. "Wenn schon, denn schon", denke ich mir. Außerdem hat sich die Sonne mittlerweile durchgesetzt, sodass auch das Wetter keine Ausrede wäre. Irgendwie werden die knapp 900 Höhenmeter schon gehen, und dann steht mit dem Valparolo nur noch ein Pass auf dem Programm, über den ich schon irgendwie rüberkomme.

Doch schon an den ersten Rampen des Giau wird mir klar, dass das noch ein ganzes Stück harte Arbeit wird. Die 10% Steigung und mehr kosten ordentlich Körner, die ich eigentlich nicht mehr habe. So fällt die Pinkelpause doch etwas länger aus als unbedingt notwendig. Und auch wenn ich nun wahrlich nicht mehr der schnellste bin, sondern mich vielleicht mit 10 km/h und 50er Trittfrequenz mühsam nach oben kämpfe, geht es anderen noch schlechter. Sie schieben ihre Räder oder versuchen, sich Krämpfe aus den Oberschenkeln zu massieren.

Ich zwinge mich, nicht ständig auf den Höhenmesser an meinem Garmin zu gucken, um nicht frustiert zu sein, dass es doch erst 20 Höhenmeter mehr sind als beim letzten Blick. Ein paar Umdrehungen im Wiegetritt entlasten die Muskeln, treiben den Puls aber wieder nach oben. Wie eine Erlösung tauchen die ersten Hinweisschilder auf, die die Passhöhe in 1,5 Kilometern ankündigen und nach einer Kurve rückt sie auch endlich ins Blickfeld - allerdings elendiglich weit oben.

Auf den Serpentinen drunter schlängeln sich die anderen Fahrer dem Ziel entgegen, das ich dann schließlich doch erreiche. Von allen Verpflegungsstationen unterwegs ist die oben auf de Giau definitiv die am stärksten genutzte. Auch ich fülle meine Trinkflaschen auf, werfe ein paar Nüsse ein, schlüpfe in die Windjacke und stürze mich in die vorletzte Abfahrt des Tages.

Ein letztes Mal bergauf

Hatte ich mich noch zu Rennbeginn über meine Scheibenbremsen gefreut, machen sie mir nun Ärger. Denn aus einem mir nicht ersichtlichen Grund beginnen sie bei stärkerem Bremsen arg zu quietschen. Ob die Scheiben zu heiß geworden sind? Keine Ahnung, jedenfalls gleicht die meine Lautstärke vor den Haarnadelkurven den Tropeten von Jericho. Aber ihren Zweck erfüllen sie dennoch problemlos und bringen mich sicher nach unten.

Jetzt also der finale Ansteig über den Falzarego zum Valparola. Von den reinen Daten klingt er harmloser als der Giau: Zwar 1,5 km länger, dafür im Mittel nur halb so steil, 5,8% statt 9,3% Steigung im Mittel. Und in der Tat, ich scheine mich erholt zu haben und rolle einigermaßen würdevoll nach oben, überhole sogar ein paar andere, bis schließlich die Falzarego-Passhöhe in Sicht kommt.

Von links tröpfeln die Teilnehmer der 103-km-Runde auf die Strecke, nach links geht es 100 Höhenmeter weiter rauf zum Valparolo. Die haben es noch einmal in sich, denn die Strecke zieht sich schnurgerade am Hang entlang nach oben. In mir wächst die Vorfreude, den letzten Pass bezwungen zu haben, und diese treibt mich die letzten Kurbelumdrehungen nach oben. Endlich nur noch bergab, denke ich mir, als ich in die Abfahrt gehe.

 

Belohnung: Die Finisher-Medaille
Foto: RoadBIKE/Christian Brunker

Die Killer-Katze

Aber Pustekuchen: Kurz vor dem Ziel haben die Veranstalter mit der "Mür di Giat" ein letztes, richtig fieses Hindernis eingebaut, mit den eingangs beschriebenen Folgen. Einmal aus dem Pedal ist in dieser Steigung anfahren nicht mehr möglich, also schiebe ich die letzten paar Meter bis oben, ehe ich mich wieder einklicken kann und nun aber wirklich zum Ziel rollen kann.

Als der Zielbogen in Sicht kommt, ist das Gefühl unbeschreiblich. 7 Stunden, 20 Minuten stehen am Ende als Zeit im Ergebnis, ein 20er Schnitt knapp verpasst. Aber mit der Zeit liege ich ziemlich gut im Mittelfeld, sowohl unter allen Startern als auch in meiner Altersgruppe. Damit kann ich sehr gut leben.

Fotostrecke: Ganz hinten beim Ötztaler Radmarathon

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Ötztaler Radmarathon 2015 Reportage Foto: Kilian Kreb
Ötztaler Radmarathon 2015 Reportage Foto: Kilian Kreb
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Fotostrecke: Velothon Berlin 2016 - Die Bilder

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Foto: Getty Images for IRONMAN
Foto: Getty Images for IRONMAN
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05.07.2016
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE