Maratona dles Dolomites: We do it cause we love it!

Foto: Veranstalter
Die Maratona dles Dolomites ist eines der spektakulärsten Jedermann-Rennen, in Bezug auf Landschaft und Höhenprofil. RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele ist mitgefahren und schildert seine Eindrücke von der 138-km-Runde mit mehr als 4000 Höhenmetern.

Es geht nicht mehr. Es ist so unfassbar steil. Es geht wirklich nicht mehr. Neben mir fallen Leute einfach um, weil ihnen die Kraft fehlt, aus dem Pedal zu kommen. Aber Absteigen ist keine Option. Das sind nur 50 Höhenmeter, und es sind nur noch fünf Kilometer bis ins Ziel. Aber das ist die Hölle nach über 130 Kilometern mit über 4000 Höhenmetern in brütender Hitze. Ich krieg die Kurbel zwar kaum mehr rum, aber irgendwie komm ich hoch - die Mür dl Giat, die Katermauer, die sich in La Villa wie ein Monster auftürmt.

Es ist der Schlussakkord der Maratona dles Dolomites und sinnbildlich für die ganze Veranstaltung – nämlich schlicht atemberaubend. Atemberaubend: das Höhenprofil, das mit sieben Pässen außer auf den Abfahrten keine Zeit zum Durchschnaufen lässt. Und atemberaubend: die Kulisse im Herzen der Dolomiten, die es schwer vorstellbar macht, dass es irgendwo in den Bergen schöner sein kann als hier.

Es ist heiß, also eigentlich genau mein Wetter. Und ich kenne die Strecke, weshalb ich entspannt und voller Vorfreude um 6.30 am Start stehe. So wie knapp 10 000 andere auch. Die ersten 55 Kilometer: Sella Ronda im Uhrzeigersinn. Campolongo, Pordoi, Sellajoch, Grödner Joch. Es ist nur selten steil, aber dort, wo die Sonne scheint, schon 25 Grad warm. Kurz nach 7. Ich habe den Eindruck, dass es rollt. Wohl auch deshalb, weil ich eine Woche zuvor beim Sella Ronda Hero mit dem Mountainbike quasi die gleiche Strecke gefahren bin. Aber offroad. Und da rollte es nicht.

 

RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele ist bei der Maratona dles Dolomites mitgefahren
Foto: Jens Vögele RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele war bei der Langstrecke der Maratona dles Dolomites am Start.

Unvernunft gegen Vernunft

In Corvara spiele ich kurz mit dem Gedanken, nach der 55-km-Runde ins Ziel zu fahren, aber nur kurz. Ich nehme die Spur, die auf die 103- und die 138-km-Runde führt. Es geht zum zweiten Mal auf den Campolongo, und so ziemlich genau, nachdem 2000 Höhenmeter auf der Uhr stehen, explodieren meine Beine. Ich ändere meinen Plan und beschließe, die 103-km Runde halbwegs mit Würde zu Ende zu fahren. „Auf den Falzarego kommst du noch halbwegs vernünftig rauf – und dann ist Schluss“, denke ich mir. Mir ist völlig klar, dass es in meinem Zustand unmöglich ist, den Passo die Giau, den mit Abstand schwierigsten Anstieg der Maratona, vernünftig hochzukommen - schon gar nicht mit Standardkurbel und 39/25.

An der Kreuzung, die links zum Falzarego führt, biege ich dann aber rechts ab. Auf die große Runde. Ich hab nur kurz Zeit zu überlegen, warum mal wieder die Unvernunft gesiegt hat, bevor sich mir der Passo die Giau in den Weg stellt. Was mich beruhigt: Die Menschen um mich herum müssen genauso leiden wie ich. Was mich beunruhigt: Ich hab keine Ahnung, wie ich da hochkommen soll. 9 Kilometer, 900 Höhenmeter. Unbarmherzig und konstant steil. Was mich beruhigt: Ich hab keine Ahnung, wie ich da hochgekommen bin. Aber ich weiß, dass oben auf über 2200 Höhenmeter 40,5 Grad auf dem Tacho standen. Und dass ich an der Verpflegungsstation mehrere Becher Cola inhaliert habe. Und dass ich danach wieder in Erinnerung habe, wie grandios das Panorama da oben war.

Nur noch auf den Falzarego, denke ich mir. Eigentlich ein schön zu fahrender Pass – aber ich bin so alle, dass ich selbst die flacheren Stellen nur im kleinsten Gang treten kann. „Was für eine Schinderei. Warum machen wir das?“, fragt mich mein Nebenmann. Ich kann ihm keine Antwort geben. Weil ich sie nicht weiß. Und weil ich nicht reden kann. Aber ich weiß: Irgendwann hört jeder Berg auf. Selbst der Falzarego. Und selbst die 100 Extra-Höhenmeter auf den Valparola, den man noch bezwingen muss, um wieder ins Tal nach La Villa zu fahren. Das war’s, denke ich mich auf der Abfahrt, die Mauer ist kein Gegner mehr. Bis ich in La Villa sehe, wie sich das Monster vor mir auftürmt.

Im Ziel bescheinigen mir Menschen, die mich ziemlich gut kennen, dass ich ziemlich kaputt aussehe. Und trotzdem bin ich irgendwie stolz darauf, an der entscheidenden Kreuzung rechts abgebogen zu sein. „Warum machen wir das?“, erinnere ich mich an die Frage meines Nebenmannes. Und ich erinnere mich an die eigentlich simple Antwort, die ich auf einem Trikot unterwegs entdeckt habe: „We do it cause we love it.“

 

RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele
Foto: Detlef Göckeritz

Der Autor

Jens Vögele ist begeisterter Mountainbiker, Rennradfahrer und Journalist.

Er arbeitet seit 2002 für das MountainBIKE-Magazin und gehörte zu den Gründern von RoadBIKE (2006) sowie von ElektroBIKE (2011).

Er ist als Chefredakteur verantwortlich für die Magazine MountainBIKE, RoadBIKE und ElektroBIKE.

12.07.2015
Autor: Jens Vögele
© RoadBIKE