Kommentar: Was bringt uns der Gravel-Racer-Trend eigentlich?

Felix Böhlken, RoadBIKE
Foto: Jacqueline Bisset
Gravel-Racer - in den USA sind die Rennräder mit Disc und dicken Reifen das Thema. Als Europäer kann man sich fragen: Warum so eine Aufregung? Ist Gravel nicht eigentlich nur ein neues Wort für vielseitige Tourer oder Crosser.

Neulich bei der Neuheiten-Präsentation von Mavic in Jackson/Wyoming: Die amerikanischen Kollegen sind absolut enthusiastisch, es gibt nur ein Thema - Gravel! "Was denkst Du über Gravel? Wird das bei euch in Europa auch so ein riesen Ding wie hier bei uns?" fragen mich die Redakteurs-Kollegen mit freudestrahlenden Augen. An Begeisterungsfähigkeit waren uns unsere Freunde ein der neuen Welt definitiv schon immer ein Stück voraus. Während ich über meine Antwort nachdenke, legen sie schon begeistert nach: "So kommt man mit dem Rennrad endlich von den Straßen weg, die sind bei uns nämlich wirklich unheimlich gefährlich!"

US-Straßen gefährlich? Auf meiner ersten kurzen Runde gegen den Jetlag muss ich darüber fast schmunzeln: Der asphaltierte Seitenstreifen meiner zugegeben stark befahrenen Straße ist so breit, dass ganz locker drei Rennräder nebeneinander fahren könnten. So kenne ich das von US-Straßen: Sie sind breit, enge Kurven sind selten. Sicher, der Belag ist schlecht und löchrig, und manch Pickup-Truck walzt nah an seiner Seite des Randstreifens. Und sicher: In den US-Ballungsräumen sieht das anders aus. Aber denke ich an meine Heim-Touren, an die ersten Kilometer raus aus der Auto-Hochburg rund um Stuttgart, dann kann es an keinem US-amerikanischen Ort mit seinen vergleichsweise defensiven Autofahrern schlimmer sein!

 

Felix Böhlken Fahrbild Gravel
Foto: Mavic RB-Redakteur fährt beim Gravel-Trend in Jackson/Wyoming mit.

Was ist ein Gravel-Racer eigentlich?

Am nächsten Tag fahren wir dann Gravel: Meist gewalzter Schotter, Waldwege. Auch das kenne ich von fast jeder Rennrad-Tour in den USA: Viele Straßen sind nicht asphaltiert, mit etwas breiteren Reifen aber gut per Rennrad fahrbar. Während die amerikanischen Kollegen sich schier unbändig über diese "awesome gravel-experience" freuen, erinnere ich mich, wie in Deutschland schon lange Querfeldein-Räder mit breiter Slickbereifung auf Feld- und Waldwegen oder maroden Radwegen unterwegs sind. Seitdem sich Scheibenbremsen an Crossern durchgesetzt haben, sieht man immer mehr davon. Und da die Geometrie moderner Crosser der von Rennrädern immer ähnlicher wird, verwischen die Übergänge zwischen Rennrad und Crosser.
Dazu kommen jetzt die neuen Tourer, Rennräder mit etwas entspannterer Sitzposition, viel Dämpfungskomfort und Scheibenbremsen häufig auf 28 mm breiten Slickreifen daher. Wo haben da Gravel-Racer noch ihren Platz - die sich ebenfalls durch eine aufrechtere Fahrerposition, hohen Dämpfungskomfort und Scheibenbremsen auszeichnen? Das einzige echte Alleinstellungsmerkmal eines Gravel-Racers sind die nochmals breiteren Reifen über 30 mm, meist seitlich profilierte Semi-Slicks. Aber brauchen wir für diesen einzigen Unterschied schicken trendigen Namen? Zumal sich gerade bei der Bereifung die Geister zumindest hier in der "alten Welt" scheiden werden: Selbst progressiven Rennradfahrern dürften diese gewichtigen Gummis zu träge sein. Sie nehmen so einem Gravel-Racer viel von dem, was wir so am Rennrad lieben: Die leichtfüßige Schnelligkeit.

Fotostrecke: Test: 5 Rennräder für jedes Gelände

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RoadBIKE Gravel Racer Giant Anyroad CoMax Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Gravel Racer Giant Anyroad CoMax Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Gravel Racer Giant Anyroad CoMax Foto: Benjamin Hahn

Gravel oder doch lieber Tourer?

Amerikaner sind nicht nur begeisterungsfähiger als wir Europäer, sie sind auch die Erfinder des Marketing - klar feier man hier jetzt ausgiebigst über das heiße neue Ding: Gravel. Ich würde sagen: Das ist eigentlich alter Wein in neuen Schläuchen. Wein allerdings, der über die Jahre gereift und immer besser geworden ist. Denn so ein Rennrad mit Disc und breiten, pannensicheren Slicks ist eine tolle Sache für alle, die mit ihrem Rennrad nicht nur auf den gewohnten, viel befahrenen Asphalt-Routen Tempobolzen oder Kilometerfressen wollen. Ob dafür ein neuer Name, eine neue Kategorie sein muss? Diese Frage beantwortet sich von selbst: Fast jeder mitteleuropäische Rennradfahrer wird an so einem Gravel-Racer vermutlich die fetten Semi-Slicks gegen breite Slicks tauschen - damit dann aus dem Gravel-Racer ein Touren-Rennrad.

Fotostrecke: Rennrad-Neuheiten für die Saison 2017

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Cervelo P5X 2017 neues Triathlonrad Foto: Cervelo
Rennrad-Neuheit für 2017: Cervelo S3 Disc Foto: Cervelo
Gravel-Racer Orbea Terra 2017 Prototyp Foto: Felix Krakow

Fotostrecke: Cannondale Slate: Das Rennrad für abseits der Straße

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Cannondale Slate 2016 Gravel Racer mit Lefty Federgabel Foto: Sebastian Hohlbaum
Cannondale Slate 2016 Gravel Racer mit Lefty Federgabel Foto: Sebastian Hohlbaum
Cannondale Slate 2016 Gravel Racer mit Lefty Federgabel Foto: Sebastian Hohlbaum
09.07.2015
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE