Kommentar: Warten, warten, warten auf den Favoriten

Foto: Tim de Waele Tour de France 2017 Fabio aru
Warten oder nicht? Die Anstandsregel bei der Tour de France nervt und wird viel zu weit ausgelegt, sagt RB-Redakteur Christian Brunker.

Es muss einfach mal raus: Dieses ganze „Wenn das Gelbe Trikot Defekt hat, darf man nicht attackieren“ geht mir übelst auf den Zeiger. Was soll der Quatsch? Warum muss ständig auf jemanden gewartet (bzw. darf nicht angegriffen) werden, nur weil derjenige im Gelben Trikot fährt? Das ist keine gemütliche Kaffeefahrt, sondern ein Radrennen. Für Fahrer und Sponsoren geht es um jede Menge: Geld, Ruhm und Ehre. Da finde ich diese angeblich ungeschriebenen Gesetze des Radsports mehr als problematisch.

Ich will meinen Standpunkt mit ein paar Argumenten untermauern. Das fängt damit an, dass erst einmal unterschieden werden muss, welche Art von Problem eigentlich beim Fahrer in Gelb vorliegt. Kernfrage: Ist es selbst verursacht oder Pech? Daraus leitet sich ab, ob attackiert werden darf (Problem selbst verursacht) oder eben nicht (bei Pech). Aber: Gibt es wirklich komplett unverschuldetes Pech? Ich sage: absolut selten.

Beispiel Abfahrt: Versteuert sich der Gesamtführende und muss beispielsweise einen Umweg über den örtlichen Campingplatz nehmen, ist das sein Fehler und selbstverständlich darf daraus Kapital geschlagen und angegriffen werden. Gleiches gilt für einen Sturz: Legt sich das Gelbe Trikot in der Abfahrt, ist das ebenfalls sein Problem und definitiv kein Grund für seine Konkurrenten, sich zurückzuhalten. Er hätte ja langsamer fahren können oder ein bisschen mehr für seine Radbeherrschung trainieren können. Sonst könnte der Mann in Gelb ja auch einfach im Bummeltempo die Abfahrten runterrollen.

Foto: Tim de Waele Tour de France Jan Ullrich lance Armstron

Armstrong kommt zu Fall, Ullrich nutzt die Chance nicht um zu attackieren. Später am Berg lässt Armstrong Ullrich einfach stehen.

Beispiel Armstrong-Ullrich

Dazu ein Beispiel aus der Vergangenheit: Niemand hat Lance Armstrong 2003 gezwungen, so dicht an den Zuschauern vorbeizufahren, dass sich sein Lenker in einer Tasche verhaken konnte. Links war genug Platz, die Wahl der engsten Linie war seine Entscheidung und damit eigentlich auch sein Risiko. Trotzdem hat Jan Ullrich damals auf ihn gewartet.

Etwas umstrittener sind technische Defekte (heruntergefallene Ketten, Platten, Speichenbrüche, etc.). Die werden ja meist als unverschuldetes Pech eingestuft. Ich sage aber: Jeder ist für sein Rad und dessen Zustand verantwortlich. Wenn der Mechaniker beim Schaltungseinstellen schlampt und dem Chef am Berg die Kette runterfällt, ist das sein Problem und nicht das seiner Konkurrenten. Wenn das Sponsoren-Material (Vorbauten, Speichen, etc.) Mist ist und unterwegs den Geist aufgibt, das der Konkurrenten aber besser und haltbarer ist, dann bitteschön freie Fahrt! Wenn Sebastian Vettel in der Formel 1 ein Reifen platzt, fahren ja auch nicht alle brav rechts ran.




Foto: Tim de Waele Tour de France Fränk Schleck

Andy Schleck verliert am Port de Bales 2010 erst die Kette und dann 39 Sekunden auf den attackierenden Alberto Contador.

Im Zweifel für die Attacke!

Auch platte Reifen sind ja nicht völlig willkürlich: Da werden die leichtesten Reifen aufgezogen mit dem geringsten Rollwiderstand, deren Vorteile werden gerne mitgenommen. Dann soll man aber bitte nicht herumheulen, wenn man wegen eines Platten ausgebremst wird. Wer das vermeiden will, sollte pannensichere Reifen aufziehen. Die gibt’s schließlich auch zu kaufen.

Mein Fazit: Es kann doch niemand von den Konkurrenten erwarten, dass sie sich jedes Mal über Teamfunk erkundigen, was denn das Problem des Herrn Gesamtführenden ist. Bis das in der Hektik einer Etappe final geklärt ist, ist die Chance manchmal schon vorbei. Ich sage: Fahrfehler, Stürze und Defekte gehören zu einem Radrennen dazu und sind kein Grund für die anderen, den Führenden zu schonen. Im Zweifel für die Attacke!

18.07.2017
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE