Kommentar: Schöngeredet

Alex Walz, RoadBIKE
Foto: RoadBIKE
Laufräder, das zeigen RoadBIKE-Tests jeden Monat aufs Neue, haben einen gewaltigen Einfluss auf das Fahrverhalten eines Rennrades. Und damit auch unmittelbar auf den Fahrspaß, den das Rad seinem Fahrer vermittelt. Erstaunlich, dass dennoch der Optik der Laufräder häufig weit mehr Bedeutung zugemessen wird als deren Funktion.

Optik – ein wichtiges Thema für Rennradfahrer, keine Frage. Kaum eine Kaufentscheidung, die unter rein praktischen Gesichtspunkten gefällt wird, sei es beim Rad selbst, beim Zubehör, der Bekleidung und, nicht zuletzt, bei den Laufrädern. Doch gerade bei diesem Thema fällt mir immer wieder auf, welche Begehrlichkeiten gerade hochprofilige Aero-Modelle mit Carbon-Felgen bei vielen Rennradfahrern wecken.

Selbst bei Hobbyfahrern wie mir selbst, die von den Segnungen solchen Top-Materials nur bedingt profitieren – ganz einfach, weil weder die Leistungsfähigkeit noch der Rest des Ausrüstung ein Leben im fortwährenden Geschwindigkeitsrausch realistisch erscheinen lassen. Aber natuurlich bin auch ich nicht immun gegen optische Reize. Und als es wieder einmal darum ging, den Dauertest-Renner für die kommende Saison auszurüsten, fiel meine Wahl auf einen wunderschönen Satz Aero-Systemlaufräder.

Die Felgen nicht zu hoch, damit Seitenwindanfälligkeit und Gewicht vertretbar bleiben. Mit rund 2000 Euro noch bezahlbar – zumindest im Vergleich zu manch anderem Carbon-Laufradsatz. Über Probleme beim Bremsen, speziell bei Nässe, musste ich mir keine Gedanken machen – dank der verbauten Scheibenbremsen. Zudem werden die teuren Felgen damit nicht zum Verschleißteil. Fast war ich geneigt, von einer Vernunftentscheidung zu sprechen ...

Die Laufräder verrichteten zunächst problemlos ihren Dienst, ohne sich positiv oder negativ bemerkbar zu machen. Dann kam es zum Defekt. Nichts Schlimmes, nur eine beim Transport beschädigte Speiche, die sich problemlos hätte tauschen lassen. Wäre das Ganze nicht einen Tag vor dem geplanten Rennrad-Urlaub passiert. Eine Reparatur war auf die Schnelle nicht muoglich, da kein Händler in der Umgebung Teile für das Systemlaufrad auf Lager hatte. So kam es, dass ich mit meinen alten Laufruadern vorliebnehmen musste: Optisch unspektakuluare, aber hochwertige Alu-Laufruader, klassisch aufgebaut mit gekreuzten Speichen. Die ersten Kilometer mit den Altbewährten ließen mich nachdenklich werden.

Die Beschleunigung? Dank flacher, leichter Felgen eindeutig besser! Das Abrollverhalten? Trotz hoher Seitensteifigkeit geschmeidiger! Seitenwindanfälligkeit? Nicht die Spur! Gewicht: geringer als beim fast 2,5-mal so teuren Carbon-Satz. Kurz: Für mich, und vielleicht für die meisten Hobbyfahrer, das perfekte Laufrad! Hatte ich mir da am Ende etwas schöngeredet, die äußere Erscheinung zu wichtig genommen? Ich habe mich jedenfalls wieder von den Carbon-Wheels getrennt. Und beschlossen, meinen nächsten Satz wieder beim Laufradbauer zu bestellen. Optisch vielleicht etwas weniger begehrlich. Dafür passend – zu mir und meinen Ansprüchen.

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14.11.2014
Autor: Alexander Walz
© RoadBIKE
Ausgabe 11/2014