Kommentar: Schalt mal ab!

Felix Krakow, RoadBIKE
Foto: Jacqueline Bisset
Die Jugend von heute wird es kaum glauben. Aber es gab mal eine Zeit, da konnte ein Radsportler sich einfach auf seinen Renner setzen, nur um eine schöne Runde zu drehen, später glücklich wieder abzusteigen und ein Bier mit den Kumpels zu trinken. Ganz ohne Navi. Und ohne direkt seine Leistungswerte irgendwo zu posten. Das ist wohl vorbei. Schade, eigentlich.

Technik? Find ich gut! Das Ur-iPhone musste ich unbedingt und, vor allem, umgehend haben. Facebook und Twitter? Sofort ausprobieren, was es mit diesen ach so sozialen Medien auf sich hat. Magazine total digital auf dem Tablet lesen? Top! Echte Begeisterung für eine rasante technische Entwicklung, die natürlich auch vor unserem geliebten Radsport nicht haltmacht. Der GPS-gestützte Radcomputer ist schon seit Jahren immer dabei.

Kaum daheim, werden die Tourdaten umgehend via Strava ins Netz geschossen. Und der Smartphone-Speicher quillt fast schon über vor zahllosen mehr oder weniger nützlichen Apps rund um das Thema Fahrrad. Einfach unfassbar, was auf dem Rennrad heute alles möglich ist. Monitoring von Tritt- und Herzfrequenz, Wattanzeige, Leistungsanalyse, persönliches Trainingsprogramm und, nebenbei noch, die Routenführung. Alles an Bord! Im Zweifel wird die Rennrad-Tour gar noch live per Super-Ultra-High-Definition-Sportkamera aufgezeichnet. Gegen so viel Hightech wirkt selbst die USS Enterprise wie ein altersschwaches Damenrad.

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Aber irgendwie kippt sie so ganz allmählich, meine Euphorie für den rasanten Fortschritt. Erste ernsthafte Anzeichen zeigten sich vergangenes Jahr während einer Tour durch das schöne Bergische Land. „Hast du den Bussard gesehen? Was für ein Teil!“ Fragte mein Trainingskumpel: „Was? Nein, muss die Pulswerte im Auge behalten!“ Kurz darauf berichtete ein Kollege von einer unschönen Kollision: Ein Sportler hatte eine am Straßenrand stehende Dame abgeräumt, weil er verzweifelt auf dem GPS- Computer nach der korrekten Streckenführung suchte. In voller Fahrt, versteht sich. Vor wenigen Wochen dann der bisherige Höhepunkt. Oder, besser gesagt, Tiefpunkt: Nach der gemeinsamen Trainingstour auf Mallorca sitzen fünf Radsportler in der wärmenden Frühlingssonne. Auf dem Tisch dampft der Cafe con leche. Die Spatzen zwitschern fröhlich vor sich hin.

Doch unter den Radfahrern herrscht das ultimative Schweigen, denn die Sportler starren kollektiv auf ihre Smartphones. Jeder auf sein eigenes, versteht sich. Strava-Segmente checken, Trainingswerte auf Facebook posten, soziale Online-Kontakte pflegen. Hauptsache nicht in der realen Welt kommunizieren. Da möchte man doch mal – auch sich selbst – mit voller Inbrunst fragen: „Sach ma, geht’s noch?“ Und dann wehmütig an die Zeiten denken, als gefahrene Kilometer und Durchschnittsgeschwindigkeit alles waren, was der Hobbyradler brauchte. Und deshalb ganz viel Zeit hatte. Für die Natur. Für die Umwelt. Für die Kommunikation. So ganz direkt, von Angesicht zu Angesicht.


Schalt mal ab! Ein Kommentar von RoadBIKE-Autor Felix Krakow. "Die Jugend von heute wird es kaum glauben. Aber es gab...

Posted by RoadBIKE - Faszination Rennrad on Donnerstag, 6. August 2015


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15.05.2015
Autor: Felix Krakow
© RoadBIKE