Kommentar: Bombenstimmung in Alpe d'Huez

Alpe D'Huez 2015: Rennfahrer gegen Zuschauer?
Foto: Tim De Waele
Selbstdarsteller, Selfiesticks, Rauchbomben - das Finale hoch nach Alpe d'Huez wurde für die Profis zum Spalier der Zumutungen, bei dem sie zu Statisten verkommen sind - meint RB-Redakteur Felix Böhlken

Von der größten Radsport-Party der Welt schwärmen die Kommentatoren gern, wenn es um Etappenankünfte in Alpe d'Huez geht. Der "Berg der Holländer" war für die Profis diesmal eher der Berg der Zumutungen: Wo es das Spalier der teils über-enthusiastischen Zuschauer noch zuließ, wurden die Fahrer von Selbstdarstellern in lustigen Ganzkörperkostümen bedrängt und betascht. Meist wurde aus dem Zuschauer-Spalier aber ohnehin eine Wand, die sich erst Meter vor dem Vorderrad auftat.

Zur Krönung dieses überdrehten Schauspiels vernebelten mehrfach Rauchbomben und Pyrotechnik den Weg Rennfahrer zum harten Ettappenziel. Als ob ein Finale in Alpe d'Huez nicht schon genug wäre, werden die Zuschauer zur Last und zum Risiko. Dieses Video gibt ab 2:28 einen kleinen Eindruck, wie sich das für einen Rennfahrer anfühlen muss:

Der Sport verkommt zur Nebensache

Ich war während der Übertragung von Alpe d'Huez recht fassungslos: Klar gehören zu den Bergetappen der Tour die Fans, die seit Stunden auf die Fahrer warten, schon Tage vorher anreisen. Allein durch ihren großen Einsatz an Zeit und Emotionen huldigen sie den Profis und dem Sport. Diese einzigartige Begeisterung ist in dem Video ebenfalls eindrucksvoll zu sehen. Sie macht den Straßenradsport so besonders und so anders als jede andere Profi-Veranstaltung.

Doch diesmal hatte ich den Eindruck, dass neben den hundertausenden begeisterten Zuschauern zu viele jedes Maß verloren haben. Schon die "Fans", die neben den Fahrern her rennen, sie anfeuern und motivieren - oder anschreien und begrapschen, je nach Standpunkt - bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Euphorie und Nötigung. Dazu kommen die Selbstdarsteller, die sich in Ganzkörperkostümen neben die Fahrer und damit ins Bild drängen. Ihnen geht es offensichtlich nicht mehr um den Sport oder die Athleten - sie nutzten die Gelegenheit, einmal vor großem Publikum zu posieren. Der respektvolle Abstand, denn zum Beispiel Tour-Teufel Didi Senft zu den Fahrern wahrt, ist ihnen fremd.


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Posted by RoadBIKE - Faszination Rennrad on Dienstag, 4. August 2015


Die Sportler verkommen zu Gladiatoren

Doch Alpe d'Huez hatte eine deutliche Steigerung parat: Mehrfach wurden Rauchbomben oder Pyro-Technik direkt im Pulk des Zuschauer-Spaliers gezündet. Der zähe Rauch dieser in jedem Fußballstadion verbotenen Pyro-Artikel stockt schon den Atem, wenn man nur dasteht. Wie er auf einen Rennfahrer wirkt, der im Anstieg zum Etappenziel am Limit unterwegs ist, mag ich mir gar nicht vorstellen. Wer so etwas tut, ist nicht einfach nur unheimlich dämlich, sondern verachtet die Sportler und den Sport.

Bei den Bildern der hart kämpfenden Fahrern mitten in diesem Getümmel, in dem jede Person zur potenziellen Sturzgefahr wird, empfand ich einfach nur großes Mitleid. Fast schien es, die Profis müssten nicht nur gegen den Berg kämpfen, sondern auch gegen die, die eigentlich gekommen waren, sie zu bejubeln. Wie die Fahrer da in den außer Rand und Band geratenen Zuschauern und dem Nebel der Rauchbomben kaum noch zu sehen waren, wirkten sie wie Gladiatoren, deren Entbehrungen längst keinen mehr interessieren.

Der Respekt bleibt auf der Strecke

Schon vor Alpe d'Huez war diese Tour geprägt von Unsportlichkeiten, die vor allem der Sieger Chris Froome wiederholt ertragen musste: Er wurde beschimpft, bespuckt, mit Urin bespritzt. Dass Froome nur der prominente Höhepunkt war, zeigt eine Erklärung der CPA, die Vereinigung der Profiradsportler, direkt nach der Tour. Der CPA-Vorsitzende Gianni Bugno fordert darin angesichts der vielen Zwischenfälle bei der Tour "maximalen Respekt für den Job der Fahrer".

Schon immer gab es bei der Tour unnötige Unfälle und dramatische Stürze, in die Zuschauer oder Begleitfahrzeuge verwickelt waren. So wenig sich Stürze im Straßenradsport verhindern lassen, so sehr müssen die Organisatoren versuchen, die Fahrer vor vermeidbaren Gefahren zu schützen. Wenn auf dem Weg nach Alpe d'Huez in der Menge der Begeisterten die Unkontrollierbaren eine kritische Masse übersteigen und für die Fahrer zur Gefahr werden, dann muss Tourveranstalter ASO darüber nachdenken, ob hier etwas aus dem Ruder läuft, ob zum Beispiel mehr Absperrungen an der Strecke eine Lösung wären. Schade für alle echten Fans.

29.07.2015
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE