Jens Voigt im Interview: „Meine Kinder sind auf dem Rad zu schnell für mich.“

Jens Voigt im Interview
Jens Voigt (44) wurde 1997 Rad-Profi und fuhr 17 Mal die Tour de France. 2014 beendete er seine Karriere. RoadBIKE hat ihn gefragt, wie es ihm seither ergangen ist.

ROADBIKE: Im Loriot-Film „Pappa Ante Portas“ bringt ein Frührentner durch seine plötzliche Präsenz zu Hause den gewohnten Familienalltag durcheinander. Wieviel Loriot hat die Familie Voigt nach Ihrem Karriereende erlebt?

Voigt: Ach, nicht so viel, denke ich. Hoffe ich. Als Radprofi war ich über 200 Tage im Jahr unterwegs, meine Frau war gezwungen, das Familienleben effektiv zu organisieren. Und das hat sie hervorragend gemacht. Da steht es mir nicht zu, nun etwas ändern zu wollen. Meine Frau sagt immer, ihr ist am meisten geholfen, wenn ich etwas mit den sechs Kindern unternehme. Und das mache ich natürlich auch am liebsten. Wenn ich allerdings etwas zu sagen hätte im Haushalt, würde weniger Zeug rumfliegen. Kerzenständer, Buddha-Statue, Nippes… Braucht kein Mensch, steht nur im Weg rum. Man muss aber auch sagen: Die Situation hat sich gar nicht so sehr geändert. Ich bin immer noch knapp 150 Tage im Jahr unterwegs.

Was machen Sie seit Ihrem Karriereende beruflich?

Das ist vielfältig. Am wichtigsten ist meine Tätigkeit bei Trek. Ich bin Markenbotschafter, helfe bei der Entwicklung neuer Produkte und fungiere bei den Trek Travel-Radreisen als Tourguide, zum Beispiel auf Mallorca oder in den USA. Darüber hinaus bin ich Botschafter der Tour Down Under und der Tour of California. Tolle Jobs: Ich muss nicht mehr auf dem Rad leiden, fliege aber trotzdem hin und bin dabei. Gemeinsam mit Bontrager mache ich eine Bekleidungslinie, Shut up Legs. Und dann bin ich noch Markenbotschafter von Fitbit-Uhren, habe eine Autobiografie geschrieben und werde als Redner gebucht.

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Klingt nach einer Menge Arbeit.

Richtig, aber das ist noch gar nicht alles. Ich bin Partner bei Zwift, einem virtuellen Trainingsprogramm, bei dem man seinen Rollentrainer ans TV anschließt und dann online mit Freunden oder anderen Radfahrern verschiedene Kurse abfährt. In Kalifornien gibt es den Jensie Gran Fondo of Marin, ein Radmarathon, der in den kommenden Jahren weiter wachsen und auch mit weiteren Ausgaben an anderen Orten stattfinden soll. Und für NBC kommentiere ich die Tour de France. Dazu bin ich Vater und Ehemann. Langweilig wird es also nicht, mein Ruhestand ist schön.

Haben Sie sich nach dem Karriereende eine Auszeit gegönnt oder gleich in die neuen Projekte gestürzt?

Das war ein fließender Übergang. Eine allzu lange Auszeit hätte ich aber auch gar nicht gewollt. Zum einen bin ich ein umtriebiger Mensch, zum anderen muss aber auch weiterhin Geld verdient werden. Natürlich geht es mir und meiner Familie gut. Aber ich bin weit davon entfernt, Millionär zu sein. Ich habe immer in Deutschland gelebt und meine Steuern gezahlt. Und sechs Kinder, da muss man pro Monat schon was reinholen und kann nicht nur auf der faulen Haut rumliegen.

Müssen Sie nach einer langen Karriere als Profisportler nicht auch abtrainieren?

Ja, müsste ich eigentlich. Dazu gibt es eine lustige Anekdote: In meiner letzten Saison 2014 saßen wir vor einem Rennen im Mannschaftsbus und redeten über meinen Ruhestand. Teamarzt Jens Hinder sagte mir, 60 Prozent der Umfänge sollte ich im ersten Jahr schon noch fahren, dann jedes Jahr kontinuierlich weniger. Gegenüber saß mein Teamkollege Markel Irizar und fing an zu lachen, kriegte sich nicht mehr ein. Ich fragte, was lachst du denn so doof. Und er erklärte mir: Jens, unsere Umfänge pro Saison sind 60 Prozent Training, 40 Prozent Rennen, das heißt, im ersten Jahr Ruhestand musst Du die identischen Trainingsumfänge fahren. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen. Das hätte 20 000 Kilometer auf dem Rad bedeutet. Nie im Leben! Auf keinen Fall!

Aber Sie machen schon noch Sport?

Viel zu wenig. Ich fahre natürlich noch Rad, vielleicht 5000 Kilometer im Jahr. Und ich jogge mehr als früher und gehe schwimmen. Ich will fit und gesund bleiben, meine Frau soll auch nicht sagen, Jens, du hast aber zugelegt. Da gibt es ja genug Beispiele von Ex-Profis, und das möchte ich vermeiden. Aber ich trainiere nicht nach Plan ab.

Verfolgen Sie noch den Profiradsport?

Natürlich. Ich muss auf dem Laufenden bleiben, wenn ich die Tour de France kommentiere. Aber ich bin auch allgemein ein sehr großer Sport-Fan und verfolge eigentlich alles. Ich gucke mir sogar Darts und Schach an. Ich stehe nachts auf, wenn der Super Bowl ansteht. Biathlon und Boxen mag ich auch sehr gerne. Nur Fußball ist schwierig, meine Mannschaft Hansa Rostock macht es einem echt schwer.

 

Jens Voigt im Interview
Foto: Moritz Pfeiffer Jens Voigt pflegt den Kontakt mit den ehemaligen Teamkollegen.

Mit welchen ehemaligen Rennfahrer-Kollegen stehen Sie noch in Kontakt?

Mit den beiden Schleck-Brüder, die waren wie Familie für mich. Fabian Cancellara natürlich. Auch mit ein paar Kameraden aus alten Teams wie Thor Hushovd, Bobby Julich oder Stuart O´Grady. Stuart lebt in Adelaide, wo die Tour Down Under stattfindet. Als ich da war, habe ich ihn zu Hause besucht, wir haben gegrillt, und er hat mir das Fitnesscenter gezeigt, das er betreibt. Das war natürlich sehr schön. Zu manchen besteht immer noch ein wirklich gutes Verhältnis.

In den Beinen kribbelt es aber nicht, ein Comeback von Jens Voigt wird es nicht geben?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin gefahren, bis ich 43 Jahre alt war. Ich hätte bestimmt noch einen neuen Vertrag bekommen, vielleicht zu etwas schlechteren Konditionen. Und ich wäre auch keine Tour de France mehr gefahren. Mir hätte nichts Schlimmeres passieren können, als ein-zwei Jahre zu lang zu fahren, selbst unzufrieden zu sein, und alle schauen dich mitleidig an. So bin ich auch im letzten Jahr noch die Tour de France gefahren und habe auf Champions League-Niveau aufgehört. Ich habe mental und physisch alles aus mir rausgequetscht. Bis zuletzt. Nach dem schweren Sturz bei der Tour 2009 gab es natürlich schon Gespräche mit meiner Frau, ob es nicht besser wäre, kürzer zu treten. Aber sie hat auch gesehen, dass ich noch nicht fertig war. Jetzt bin ich es. Heute sage ich zu meinen Kindern, wenn wir mit dem Rad zur Schule fahren: Macht mal langsam, Papa kann nicht so schnell.

Eine herrliche Vorstellung. Sie haben den Schritt also nicht bereut.

Nein. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Als ich im Sommer 2015 für NBC die Tour de France kommentiert habe, war ich morgens bei der Einschreibekontrolle eingesetzt. Bunte Trikots, blitzende Räder, braun gebrannte, austrainierte Sportler. Da hab ich schon gedacht, es war schön, da dabei zu sein. Aber nachmittags am Zielstrich, da kamen die alle mit leeren, desillusionierten Blicken rein, ausgelaugt und zermürbt, vielleicht gestürzt und blutend. Da ist mir endgültig klar geworden: Alles richtig gemacht.

Wie ist es, von außen auf die Tour de France zu schauen?

Ganz ehrlich? Ich habe einen ganz neuen Respekt bekommen für die Rennfahrer. Es ist ja unfassbar, wie schwer, brutal, geradezu unmenschlich die Tour ist für die Radfahrer. Ich saß da und habe gedacht: Wie hast du nur eine einzige Tour de France fahren können? Geschweige denn 17? War ich denn wahnsinnig? Damals habe ich das anders empfunden, man denkt von Tag zu Tag, ist in seinem Tunnel. Das war normal. Heute bewundere ich viel stärker, was die Fahrer leisten.

Fotostrecke: Dinge, die man nur bei Profi-Rennen sieht

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Specialized S-Works Tarmac 2016 Peter Sagan Foto: TDW
Rennrad Profis Dinge die man nur bei Profi-Rennen sieht Foto: Sebastian Hohlbaum
Rennrad Profis Dinge die man nur bei Profi-Rennen sieht Foto: Sebastian Hohlbaum
11.08.2016
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE