Rückblick Frühjahrsklassiker: Von wegen Überraschungssieger!

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Bei den fünf großen Frühjahrsklassikern 2016 gewannen mehrheitlich Fahrer, die wohl nur die Wenigsten auf dem Zettel hatten. Dass ihre Erfolge trotzdem keine Zufälle waren, zeigt die RoadBIKE-Analyse.

Zugegeben: Auch wir haben Arnaud Démare, Mathew Hayman oder Wout Poels nicht im ersten Atemzug als Favoriten für Mailand-San Remo, Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich genannt. Fabian Cancellara in seiner letzten Saison als Berufsradfahrer, Kopfsteinpflaster-Spezialist Tom Boonen, Greg van Avermaet oder Alejandro Valverde lauteten die gängigen Tipps. Doch unter dem Strich blieb Peter Sagans Triumph bei der Flandernrundfahrt der einzige Favoritensieg bei einem der fünf großen Frühjahrsklassiker in diesem Jahr.

Trotzdem landeten die unerwarteten Gewinner keine Zufallstreffer. Sie bestätigten mit jugendlicher Unbekümmertheit ihr bereits zuvor sichtbares Potenzial oder spielten die Erfahrung langer Profijahre aus. Sie stützten sich auf beeindruckendes Teamwork oder ihre taktische Cleverness. Und letztlich holten sie ihre Siege, weil sie am Renntag im Vergleich zur Konkurrenz die besten Beine hatten und sich im direkten Duell Mann gegen Mann durchsetzen konnten. RoadBIKE schaut zurück auf fünf spannende Frühjahrsklassiker.

 

Das Peloton beim Flèche Wallonne 2016
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Mailand-San Remo: Démare sprintet allen davon

So vorhersehbar die knapp 300 Kilometer lange Fahrt von Mailand nach San Remo 2016 verlief – Spitzengruppe in der Po-Ebene, erfolglose Ausreißversuche an den Steigungen von Cipressa und Poggio – , so sehr überschlugen sich auf den letzten 1000 Metern die Ereignisse. Zunächst brachte der Sturz des jungen Fernando Gaviria die Favoriten Fabian Cancellara und Peter Sagan um alle Siegchancen, dann eröffnete Jurgen Roelandts früh den Sprint und sah schon wie der sichere Sieger aus. Doch am Ende hatte der junge Arnaud Démare vom französischen FDJ-Team den längeren Atem und schlug sich auf der Ziellinie ungläubig die Hände vors Gesicht.

Dass Démare das Zeug zu großen Siegen hat, ist aber schon länger offensichtlich. Obwohl er erst 24 Jahre alt ist, fährt er bereits seine sechste Saison als Profi. In seiner Karriere hat er schon 35 Rennen gewonnen, darunter auch verschiedene Gesamtwertungen kleinerer Rundfahrten. Bereits 2012 besiegte er im Zielsprint der Vattenfall Cyclassics in Hamburg keinen Geringeren als André Greipel. Spätestens seit seinem Sieg in San Remo ist nun klar: Démare ist keine Eintagsfliege.




Flandernrundfahrt: Sagan mit Kraft und taktischem Geschick

Dem Weltmeister aus der Slowakei hing der Ruf nach, keine großen Rennen gewinnen zu können. Sage und schreibe 19 zweite Plätze sammelte er in der Saison 2015, und auch in diesem Jahr stand Sagan bereits sechs Mal „nur“ auf dem zweithöchsten Podiumsplatz. Doch angesichts seines überlegenen Siegs bei der Weltmeisterschaft im vergangenen September sowie den Triumphen bei Gent-Wevelgem und der Flandernrundfahrt in diesem Jahr dürfte die Kritik am „ewigen Zweiten“ nun verstummen.

Insbesondere bei der "Ronde van Vlaanderen" zeigte sich Sagan taktisch wie physisch von seiner besten Seite. Mit einer frühen Attacke überraschte er seinen großen Konkurrenten Fabian Cancellara. Den herausgefahrenen Abstand zum mehrfachen Zeitfahrweltmeister aus der Schweiz verteidigte Sagan im Finale mit beeindruckender Power. Vielleicht geben die jüngsten Erfolge dem Slowaken nun die Selbstsicherheit, nach zwei erfolglosen Jahren auch bei der Tour de France wieder einen Etappensieg einzufahren.




Fotostrecke: Flandernrundfahrt 2016: Die Rennradtricks der Profis

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Flandernrundfahrt 2016: Die Rennrad-Tricks der Profis Foto: Sebastian Hohlbaum
Flandernrundfahrt 2016: Die Rennrad-Tricks der Profis Foto: Sebastian Hohlbaum
Flandernrundfahrt 2016: Die Rennrad-Tricks der Profis Foto: Sebastian Hohlbaum

Paris-Roubaix: Hayman siegt im 15. Anlauf

Seit 25 Jahren habe er kein solches Rennen mehr gesehen, schwärmte Radsport-Legende Bernard Hinault über die diesjährige Ausgabe der „Hölle des Nordens“. Tony Martins Tempoarbeit hatte das Feld zerrissen und Favoriten wie Cancellara und Sagan früh aus dem Rennen genommen. Die fünf-köpfige Spitzengruppe mit Tom Boonen, Ian Stannard, Sep Vanmarcke, Edvald Boasson Hagen und Mathew Hayman schenkte sich nichts, attackierte, taktierte und kämpfte. Den Sprint gewann schließlich der 37-jährige Hayman und feierte den größten Triumph seiner Karriere.

Hayman konnte auf die Erfahrung von 14 Teilnahmen bei Paris-Roubaix zurückgreifen. Er lebt in Belgien, spricht flämisch und ist in seinen langen Profijahren mit Roubaix-Spezialisten wie Juan Antonio Flecha, Leon van Bon und Marc Wauters gefahren. 2011 war Hayman bereits Zehnter in Roubaix, 2012 Achter. In der Fluchtgruppe kam ihm nach eigener Aussage zugute, dass er bei weitem der Underdog war. Die Hauptarbeit lag bei den anderen Fahrern, Hayman konnte sich schonen – so weit man bei einem solchen Rennen davon sprechen kann. Erfahrung, gute Beine, taktisches Gespür – als es auf die Radrennbahn in Roubaix ging hatte Hayman nichts zu verlieren. „Und das macht dich gefährlich“, so der Australier nach dem Rennen.




Amstel Gold Race: Gasparotto zum Zweiten

Ähnlich wie Hayman mit Paris-Roubaix verbindet Enrico Gasparotto eine enge Beziehung mit den Ardennenklassikern. Das Amstel Gold Race konnte der Italiener 2012 schon einmal für sich entscheiden, bei den letzten fünf Austragungen kam er jedes Mal in die Top-Ten. Auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich zeigte sich Gasparotto beständig und holte vier Top-15-Platzierungen in den vergangenen fünf Jahren. Überraschungssieger sehen anders aus.

2016 zeigte der 34-Jährige in den Ardennen eine überragende Form: Zweiter Platz beim Pfeil von Brabant, Sieg beim Amstel Gold Race, dazu ein fünfter Rang beim Flèche Wallonne und Platz 12 in Lüttich. Seine außergewöhnliche Begabung für die Ardennenklassiker spiegelt sich in diesem Jahr in besonderem Maße in Resultaten wider.




Lüttich-Bastogne-Lüttich: Wout Poels gewinnt denkwürdiges Rennen

2016 sorgten beim ältesten noch ausgetragenen Eintagesklassiker Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, Regen und Schnee für besonders schwierige Verhältnisse. Zudem stellte die neue Streckenführung auf den letzten Kilometern den von früheren Austragungen gewohnten Rennverlauf auf den Kopf.

Woet Poels, der den Zielsprint einer vierköpfigen Fluchtgruppe vor Michael Albasini gewann, ist bisher eher als Domestike in Erscheinung getreten. Bei der Tour de France des Vorjahrs leistete er Chris Froome hinauf nach Alpe d´Huez entscheidende Hilfe, um nicht zu viel Zeit auf den enteilten Nairo Quintana zu verlieren. Doch Poels ist auch selbst ein Siegfahrer: In den vergangenen drei Jahren sammelte er Etappensiege bei Tirreno-Adriatico, der Katalonien- und der Baskenlandrundfahrt. 2016 gewann er die Valencia-Rundfahrt. Sein Sieg bei L-B-L kommt daher nicht aus dem Nichts. Verwunderlich ist vielmehr, dass es im finanzkräftigen und hochkarätig besetzten Team Sky ausgerechnet Wout Poels war, der im siebten Jahr des Bestehens den ersten Sieg bei einem Monument einfuhr.




Vorhang auf für die Rundfahrten

Nachdem die Klassikersaison in Lüttich zu Ende gegangen ist, treten nun die Rundfahrer auf den Plan. Tour de Romandie und Giro d´Italia stehen als Nächstes auf dem Rennkalender, danach warten Dauphiné, Tour de Suisse und Tour de France. Und wer weiß: Vielleicht feiert auch dort ein Überraschungssieger, der erst auf den zweiten Blick folgerichtig erscheint?

Zu den Frühjahrsklassikern 2016 siehe auch die ausführlichen Reportagen und Berichte in RoadBIKE 06/2016 (ab 11. Mai 2016 am Kiosk).

Fotostrecke: Dinge, die man nur bei Profi-Rennen sieht

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Specialized S-Works Tarmac 2016 Peter Sagan Foto: TDW
Rennrad Profis Dinge die man nur bei Profi-Rennen sieht Foto: Sebastian Hohlbaum
Rennrad Profis Dinge die man nur bei Profi-Rennen sieht Foto: Sebastian Hohlbaum
26.04.2016
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE