Das größte Jedermann-Rennen der Welt

Heiß und cool

Foto: Cape Argus Cycle Tour Trust Das größte Jedermann-Rennen der Welt: Die Capetown Cycle Tour
Kapstadt, Südafrikas lässige Metropole, wird alljährlich Anfang März von über 30 000 Radfahrern belagert. RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele erlebte das Spektakel hautnah mit.

In Kapstadt ticken die Uhren anders. In der Stadt, von der viele glauben, dass sie die coolste der Welt sei, geben die Menschen den Takt an, die sich selbst für die coolsten der Welt halten. „A minute“ hat dort selten etwas mit „einer Minute“ zu tun. Paradox eigentlich, dass ausgerechnet dort das größte Rennrad-Rennen der Welt stattfindet, bei dem für jeden Teilnehmer die Rennzeit auf die Sekunde genau gemessen wird: die Cape Argus Cycle Tour.

Viele Promis am Start

Ausgerechnet Kapstadt, die coole Metropole am südlichsten Zipfel Afrikas, stöhnt Anfang März über die Hitze, die sich rechtzeitig zum Renntag über die Stadt legt. 41 Grad zeigt das Thermometer im Zielbereich vor dem prägnanten Fußballstadion, wo sich die über 30 000 Finisher nach 110 Kilometern ihre wohlverdiente Medaille und eine kalte Cola abholen. Bis alle im Ziel sind, dauert es aber. Lange. Sehr lange sogar.

Beim Rennen, das auch dieses Jahr wieder Promis wie Miguel Indurain oder Eddy Merckx anzog, gibt’s zwar Teilnehmer, die nach Bestzeiten jagen. Die hektischen Pros starten als Erste und jagen vor den Abertausenden Hobbyfahrern um die Podiumsplätze. Dahinter aber scheinen Zeiten für das Gros der Teilnehmer allenfalls zweitrangig zu sein. Cape Town’s Coolness scheint sich auf das riesige Peloton, dessen Start sich blockweise über Stunden hinzieht, zu übertragen. Die Strecke ist viel zu schön, die Leute auf und neben der Strecke viel zu freundlich, um in Stress zu verfallen.

Foto: Chris Blecher Das größte Jedermann-Rennen der Welt: Die Capetown Cycle Tour

Entspannte Rennatmosphäre: Kein Messer zwischen den Zähnen, dafür ein Lachen auf den Lippen. RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele bei der Cape Argus Cycle Tour.

Spaßvögel im Borat-Kostüm

Für eine mit 110 Kilometern und rund 1000 Höhenmetern vergleichsweise wenig herausfordernde Strecke ist aber auffallend: Viele müssen hart kämpfen. Ins Ziel zu kommen, ist für sie schon ein riesiger Erfolg. Einer von ihnen ist Mxolisi Mbekezeli aus Durban, der den freien Platz auf dem Tandem des dreifachen Cross-Weltmeisters Mike Kluge über eine Aktion des Radiosenders FM 5 gewonnen hat. „Unbeschrebilich“, quillt es aus Mxolisi, der am Renntag Geburtstag feiert, im Ziel heraus. Und obwohl seine Beine unterwegs so schmerzen, dass er sie mit Eis kühlen muss, ist er überzeugt: „Das war der mit Abstand schönste Geburtstag in meinem Leben.“

Mike Kluge, der bei der Cape Argus Cycle Tour fast schon zum Inventar gehört, verspricht vor dem Start, Mxolisi ins Ziel zu bringen mit einer – passend zur Atmosphäre – entspannten Gangart. Und er misst der schwarz-weißen Besetzung des Tandems durchaus völkerverbindenden Charakter bei. Genau dort, wo noch bis 1994 der Rassentrennungswahn der Apartheid herrschte – feiern bei der Cape Argus Cycle Tour alle Menschen eine große gemeinsame Party – ob am Streckenrand oder auf
dem Fahrrad.

Da gibt’s etwa Spaßvögel, die in Borat-Kostümen auf BMX-Rädern unterwegs sind, während sie in ihre Vuvuze­las blasen und deshalb vom Publikum frenetisch angefeuert werden. Oder Frauen, die barbusig in Hout Bay vor der letzten Steigung mit gewichtigen Argumenten gegen Atomkraft protestieren. Oder Tausende an der Strecke, die im südafrikanischen Spätsommer sich der großen südafrikanischen Leidenschaft hingeben: dem Braai – einem gewaltigen Grillspektakel.

Nachwuchs aus den Townships

Und es gibt den Nachwuchs aus dem Township Khayelitsha, dem über ein soziales Projekt des Haupt­sponsors der Cape Argus Cycle Tour der große Traum erfüllt wird, Teil des großen Spektakels zu werden. „Wir haben 1998 mit 10 Teilnehmern angefangen, die einen Startplatz gesponsert bekamen und auf Rädern mit alten, rostigen Rahmen fuhren“, sagt Sipho Mona-Iekoma von der Velokhaya Lifecycling Academy. Mittlerweile gehen insgesamt über 100 Nachwuchskids aus dem Township-Projekt an den Start des großen Rennens – allesamt mit veritablen Rädern und Klamotten vom Sponsor ausgestattet. Und am Rande ihres Townships unterstreicht ein mit viel Unterstützung und Eigeninitiative errichtetes Trainingszentrum mit BMX-Bahn den Stellenwert, den der Radsport für sie eingenommen hat – mit dem Ergebnis beachtlicher sportlicher Erfolge. Trotzdem ist am Rande der Cape Argus Cycle Tour und im Alltag der so lässigen Stadt allgegenwärtig: Auch wenn die Apartheid der Vergangenheit angehört, liegen arm und reich hier extrem weit auseinander. Den McLaren vor der hippen Sundowner-Bar trennen nur wenige Kilometer von den Wellblechhütten der Townships, die von erdrückender Armut zeugen.

Foto: Chris Blecher Das größte Jedermann-Rennen der Welt: Die Capetown Cycle Tour

Im Ziel bei der Cape Argus Cycle Tour in Kapstadt: Cross-Legende Mike Kluge, sein Tandempartner Mxolisi Mbekezeli und RB-Chefredakteur Jens Vögele.

Eine Hitzeschlacht vor traumhafter Kulisse

Auf dem Rad aber teilen alle das gleiche, unvergessliche Erlebnis an einem ganz besonderen Ort. „Unglaublich, wie die Menschen am Straßenrand uns angefeuert haben“, sagt etwa Ria Günther aus Potsdam, die zum ersten Mal an der Cape Argus Cycle Tour teilnimmt und das Rennen für nächstes Jahr schon fest im Terminkalender eingeplant hat. Auch Promis wie Lance Armstrong, Jan Ullrich und unzählige andere Größen des Radsports kommen immer wieder. Dieses Jahr stieg sogar eine hochrangige Politikerin in den Sattel: Die deutschstämmige Helen Zille, Premierministerin der Provinz Western Cape, setzt per Trikotaufdruck zudem ein deutliches Zeichen gegen Doping.

Schon früh am Morgen zeigt das Thermometer deutlich mehr als 20 °C an, die Sonne taucht den Tafelberg, der zwischen den Häuserschluchten der Innenstadt zu sehen ist, in ein traumhaftes Licht. Spektakuläre Eindrücke reihen sich auf der Strecke in Richtung Kap der Guten Hoffnung entlang des Indischen Ozeans und wieder zurück entlang des Atlantiks aneinander. Viele zücken die Digitalkamera während der Fahrt oder nehmen sich die Zeit für einen Schnappschuss am Streckenrand. Pausen gehören ohnehin – außer bei den Bestzeiten­jägern – zum guten Ton bei der Cape Argus Cycle Tour.

Krämpfe am Strand

Weil viele Hobbyfahrer tatsächlich mit den Steigungen und der Streckenlänge zu kämpfen haben, sei’s weil der Bauchumfang oder das eingerostete Material von nicht allzu großem Trainingspensum zeugen. Und weil die Temperaturen mittags selbst für Kap-Verhältnisse so hoch sind, dass sie in den Zeitungen am nächsten Tag zum dominierenden Thema werden.

Die Teilnehmer gehen höchst unterschiedlich damit um. Manche machen an den unzähligen Verpflegungsständen unterwes regelmäßig Halt und lassen sich massieren, andere genehmigen sich am Chapman’s Peak, der spektakulärsten aller spektakulären Passagen, einfach ein Pfeifchen. Und John, ein durchtrainierter Athlet, muss in Camps Bay, kurz vor dem Ziel, an einer kaum merklichen Steigung absteigen und schieben. „Ich habe Krämpfe“, klagt er. Die Schilder am Straßenrand grüßen ihn mit den motivierenden Worten: „Welcome to Cramps Bay.“




12.02.2017
Autor: Jens Vögele
© RoadBIKE
Ausgabe 05/2012