Charly Gaul 2016: Regenschlacht in den Ardennen

Die Startnummer bei der Charly Gaul
Foto: RoadBIKE/Christian Brunker
Das Cyclosportif Charly Gaul in Echternach lockt jedes Jahr rund 1000 Rennradfahrer an, auf den Spuren des "Engels der Berge" die luxemburgischen Ardennen zu erkunden. RB-Redakteur Christian Brunker ist seit fast 10 Jahren dabei.

Was hatte ich mir im Sommer einen ordentlichen Regen gewünscht, denn der Test regenfester Radbekleidung stand auf der Pflichtenliste ganz oben (siehe in der Ausgabe 10/2016). Doch außer ein paar kurzen Schauern bekam ich keinen Regen geboten. Doch wie das immer so ist: Wenn man ihn nicht mehr braucht, ist der Regen sofort da. Der Sonnenaufgang in Trier war noch malerisch, doch kaum bin ich kurz nach 7 Uhr am Start in Echternach, fängt es an zu schütten, sodass schon der Weg zur Startnummernausgabe eine Wasserschlacht wird.

Prompt fluten ein paar vernünftige Gedanken meinen Kopf („Was machst du hier?“, „Muss das wirklich sein?“, „Du musst doch niemandem mehr etwas beweisen!“, „Deine Freundin freut sich, wenn du früher heimkommst!“, usw.) und drohen, mich mitzureißen. Kurz bin ich versucht, den Motor meines Autos anzuwerfen und nach Hause zu fahren. Man hat ja schon ganz andere Summen versenkt als die 25 Euro Startgebühr. Aber wie es dann so ist, kaum nähert sich die Startzeit guckt man, ob es nicht doch geht. Und natürlich lässt der Regen nach, je näher die Uhr auf 9 voranschreitet. Außerdem hat man ja in weiser Voraussicht so mitgenommen, was die Fahrrad-Industrie an Regenschutz so hergibt (einer der Vorteile, RB-Redakteur zu sein. Der Nachteil: Man hat dann auch keine Ausrede mehr…).

Die Regenausrüstung im Härtetest

Die Füße stecken in „absolut wasserdichten“ Sealskinz-Socken, darüber sollen BBB-Überschuhe ihre Pflicht erfüllen. Als Trikot dient das Gabba-Jersey von Castelli aus der RoadBIKE-Team-Edition, Arm- und Knielinge mit Nanoflex stammen ebenfalls von den Italienern. Bei der Hose setze ich auf die Oxygen Partial Thermo Bib von Gore, denn deren Spritzschutz hatte mich beim Test überzeugt. Den Kopf soll ein Evade von Specialized trockenhalten (neben dem angeblichen Aero-Effekt eine wirklich gute Funktion der neuen Aero-Straßenhelme). Als Abschlussschicht gegen Wind und Regen schließlich die neue Idro-Jacket von Castelli, die eigentlich schon beim Maratona Dles Dolomites ihre Stärken zeigen sollte, es mangels Regen (der RB-Redakteur sagt nochmals danke) aber nicht konnte. Was die Dolomiten verpasst haben, holen nun die luxemburgischen Ardennen nach.

Doch zunächst scheint es, als ob das Wetter doch die Kurve kriegt. Pünktlich zum Start hört der Regen auf, die Regenjacke wandert noch schnell in die Trikottasche. Die ersten Kilometer jagt das Feld neutralisiert dahin, erst bei der Côte de Berdorf wird die Fahrt freigegeben. Ab jetzt warten 157 km stetige Berg- und Talfahrt auf mich. Mit nur 4 km bei rund 5% Steigung hat der erste Anstieg nicht das Zeug zum Scharfrichter, aber immerhin reicht es, dass sich das rund 400 Mann starke Feld recht schnell sortiert. Oben habe ich eine etwa 15 Mann starke Gruppe gefunden, die in etwa mein Tempo fährt. Ein immenser Vorteil, denn die nächsten 50 km geht es vor allem Flach an der Sauer entlang in Richtung Norden, da ist man als Einzelkämpfer komplett verloren. So aber jagen wir mit 35 bis 38 Sachen voran. Die Aufteilung der Führungsarbeit und das Zusammenspiel in der Gruppe könnte zwar reibungsloser funktionieren, aber ich will nicht pingelig sein.

Fotostrecke: 19 Rennrad-Regenjacken im Test

38 Bilder
RoadBIKE Castelli Sotille Due Jacket Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Castelli Sotille Due Jacket Praxisbewertung Foto: RoadBIKE
RoadBIKE Endura FS260 Pro Adrenaline Foto: Benjamin Hahn

Bremsen in der Kurve auf nasser Straße - blöd!

So komme ich einigermaßen entspannt zum ersten etwas längeren Anstieg, der Côte de Marnach mit 6 km und 4,2% Steigung. Aber auch da fahre ich noch gut in der Gruppe mit. Erst bei der Côte de Hosingen auf einem schmalen Radweg muss ich sie dann doch ziehen lassen, wobei ich später noch den einen oder anderen Nachzügler einsammele. Mittlerweile hat auch der Regen wieder eingesetzt, sodass ich von der wunderschönen Landschaft im Luxemburger Norden kaum etwas mitbekomme. Immerhin zeigt sich: Die Idro-Jacket hält, was sie verspricht und meinen Oberkörper sehr angenehm trocken.

Apropos halten: Nicht ganz so gut hält mein Reifen auf dem nassen Untergrund, wie ich leider feststellen muss, als mir in einer Haarnadelkurve das Hinterrad wegrutscht. Ein klarer Fahrfehler meinerseits: Zwar hatte ich vor der Kurve brav heruntergebremst, im Scheitelpunkt dann aber aus Angst, doch noch zu schnell zu sein, kurz an der Bremse gezogen. Das Hinterrad dankt es mit totalem Gripverlust und ich lande auf Schulter und Hüfte. Meinen überraschten Ausruf gebe ich hier nicht wörtlich wieder, er beginnt mit F und endet mit uck. Nach einer ersten Inspektion zeigt sich, dass weder Rad noch Fahrer ernstlich Schaden genommen haben: Nur die beiden Schalthebel sind verdreht und werden flott gerichtet, das Schaltwerk hat nichts abbekommen und funktioniert weiterhin tadellos. Nur die Hose an der Hüfte ist etwas aufgeschrammt und die Haut darunter etwas ramponiert, was mich aber nicht ernstlich am Weiterfahren behindert. Dennoch ärgere ich mich über meine Dummheit und den Fahrfehler, vor allem, weil ich gerade erst bei der Hälfte der Strecke bin und nun vorerst alleine bin.

Die Füße werden nass

Das bleibt auch noch ein gutes Stück so, als es auf der Nationalstraße entlang der Sauer wieder zurück in Richtung Süden geht. Zwischendring merke ich, dass ich jetzt dann doch Wasser an den Füßen habe - ganz wasserdicht sind die Socken also doch nicht. Die Idro-Regenjacke hingegen hält wunderbar dicht. Nach einer Zeit kann ich mich wieder an eine etwas größere Gruppe ranhängen, die von hinten auffährt. So komme ich zumindest bis zum nächsten Anstieg, der Côte de Groesteen, wo auf 3,8 km bis zu 11% steile Rampen auf mich warten. Aber irgendwie scheine ich einen guten Tritt gefunden zu haben, jedenfalls schiebe ich mich in der Gruppe nach vorne und irgendwann sind die anderen hinten weg.

Dafür fahre ich jetzt auf die ersten Teilnehmer des B-Rennens auf, das nur über 90 km geht. Doch während ich schon 90 km auf dem Tacho habe, sind diese erst bei km 39 – wobei ich mich frage, was die eigentlich die ganze Zeit gemacht haben, die sind schließlich auch schon 2,5 Stunden unterwegs. Weiter oben fahre ich an Kollegen vorbei, die schon zum Schieben ihres Rades übergegangen sind. Eigentlich kein guter Auftritt, aber egal, jeder wie er kann.

Oben lese ich, dass ich immerhin jetzt den 6. Anstieg des Rennens überwunden habe – und ärgere mich darüber, dass ich mir vorher nicht gemerkt habe, wie viele es insgesamt sind. Naja, viel mehr als 10 werden es nicht sein, denke ich mir. Am Ende sind es 12. Immerhin macht der Blick auf den Tacho in den immer wieder einsetzenden Regenschauern Hoffnung, nur noch 40 km. Die gehen auch noch irgendwie. Vor mir nimmt gerade ein B-Fahrer die Abkürzung zurück nach Echternach. „Ok, also ein DNF mehr“, denke ich. Das kommt für mich aber nicht infrage, ich will jetzt durchziehen. Immerhin sind die letzten Anstiege vergleichsweise kürzer, die letzte Verpflegungsstelle wird geplündert und dann geht es endlich wieder – und zum letzten Mal – bergab.

Fotostrecke: 5 Schutzbleche für Rennräder im Test

10 Bilder
Rennrad-Schutzblech: Hebie Viper R 742 Foto: Benjamin Hahn
Rennrad-Schutzblech: Hebie Viper R 742 Foto: Benjamin Hahn
Rennrad-Schutzblech: SKS Raceblade Foto: Benjamin Hahn

Mit Lokomotive ins Finale

Die letzten 7 Kilometer sind flach, aber nicht minder hart. Zum Regen gesellt sich Gegenwind und meine Akkus sind ziemlich leer. Ohne Gruppe kann man auf diesem Stück noch ziemlich eingehen. Doch ich habe Glück, ich kann mich an einen anderen Fahrer ranhängen, der noch ziemlichen Druck auf die Kette kriegt und mit 38 Sachen die Lokomotive macht. Keine Ahnung, woher der noch die Kraft hat. Egal. Im Windschatten geht’s ins Ziel. Die Zieluhr zeigt irgendwas mit 6 Stunden an, das ist mir aber gerade ziemlich egal. Ich will nur noch ins Trockene und eine heiße Dusche.

Am nächsten Tag sind die Ergebnisse online. Platz 269 in 5:56:00 sind da vermerkt, 27er Schnitt. Angesichts der Bedingungen ganz ok für mich. Insgesamt sind 341 Fahrer auf der langen Strecke ins Ziel gekommen, der langsamste nach sagenhaften 7:45:12. Muss ein großer Kampf gewesen sein.

Fotostrecke: Die besten Überschuhe für Ihren Rennrad-Winter

16 Bilder
Rennrad-Winterequipment: Gut gerüstet durch den Rennradwinter Foto: Benjamin Hahn
Rennrad-Winterequipment: Gut gerüstet durch den Rennradwinter Foto: RoadBIKE
Rennrad-Winterequipment: Gut gerüstet durch den Rennradwinter Foto: Benjamin Hahn
06.09.2016
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE