Auf den Spuren Charly Gauls durch Luxemburg

RB-Redakteur Christian Brunker bei der Charly Gaul
Foto: Sportograf
Jedes Jahr Anfang September trifft sich die Benelux-Rennradszene in Echternach (L), um auf den Spuren Charly Gauls 100 oder 160 km zu fahren. RB-Redakteur Christian Brunker ist mitgefahren.

Er war der "Engel der Berge": Der 2005 gestorbene Luxemburger Charly Gaul war einer der größten Radsporthelden des kleinen Großherzogtums. 1958 gewann er die Tour de France und 1956 sowie 1959 den Giro d'Italia. 1999 wählten ihn die Luxemburger zu ihrem "Sportler des Jahrhunderts". Dass er bis heute unvergessen ist, ist auch dem ACC Contern zu verdanken, der zu seinen Ehren seit 1990 ein Jedermann-Rennen ausrichtet.

Dieses Rennen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer festen Institution in der Benelux-Rennradszene entwickelt, mehr als 1000 Teilnehmer gehen jedes Jahr auf die 100 oder 160 km lange Runde.

Prominente Teilnehmer

Einer davon bin seit einigen Jahren ich. Das Rennen ist fester Bestandteil meiner Saisonplanung, als Kräftemessen und unerbittliche Analyse meiner Form. Die knapp 100 Kilometer und rund 1500 Höhenmeter klingen jetzt nicht nach einer großen Herausforderung, dennoch haben sie es in sich. Die Anstiege sind zwar nicht lang, aber zahlreich, ständige Rhythmuswechsel die Folge.
Die lange Runde mit 160 Kilometern überlasse ich den Halbprofis und denen, die sich dafür halten. Denn das Rennen ist auch für Nachwuchsfahrer eine gute Gelegenheit, sich zu präsentieren. So finden sich in den Siegerlisten der vergangenen Jahre durchaus prominente Namen: 1994 gewann der spätere T-Mobile-Profi Kim Kirchen die 100-km-Runde, 1995 trug sich Bjarne Riis in die Siegerliste der großen Runde ein.

Vom Start weg Vollgas

Nach dem Start auf dem wunderschönen Marktplatz in Echternach geht es für die nächsten rund 10 km leicht, aber stetig bergauf. Ganz weit vorne meine ich das Führungsauto und damit die Rennspitze erahnen zu können, aber bald habe ich sie aus den Augen verloren. Gerade die Startphase ist deutlich angenehmer und lange nicht so hektisch wie bei Massen-Veranstaltungen wie den Cyclassics in Hamburg oder dem Velothon in Berlin. Es wird um mich herum nicht gebrüllt, nirgendwo versuchen sich große Gruppen mit aller Gewalt im Feld nach vorne zu drängeln. Die gleichmäßige Steigung trägt dazu bei, das sich das Feld schnell nach dem jeweiligen Leistungsleistungsvermögen sortiert. Angenehmer Effekt: Ich bekomme keine Sturzopfer zu Gesicht.

Aber natürlich wird mit Volldampf gefahren, noch überlagert das Adrenalin das Laktat. Puls über 180? Egal, bis zur Kuppe muss ich mithalten, danach hoffe ich auf eine gute Gruppe und etwas Erholung im Windschatten. Nebenan sehe ich, wie wichtig die richtige Bekleidungswahl ist: Es ist einfach nicht cool, ein gelbes Trikot anzuziehen und schon am ersten Hügel zu kotzen.

Die richtige Renntaktik

Geschafft, die Kuppe ist erreicht. Es geht im Windschatten einer größeren Gruppe nur noch leicht wellig voran. Jetzt bloß nicht den Fehler machen und versuchen, auf eigene Faust an die nächste Gruppe heranzuspringen, auch wenn sie verführerisch nahe erscheint (wie in den vergangenen Jahren...). Die Körner, die man dabei verbrennt, werden mir später fehlen. Deshalb ermahne ich mich zur Geduld. Es ist auch so anstrengend genug, in der Gruppe zu bleiben, weil immer wieder andere vor mir die Lücke aufgehen lassen, die ich dann zufahren muss. Gleichzeitig werden immer wieder langsamere Fahrer von vorne geschluckt und nach hinten durchgereicht.

In rauschender Abfahrt geht es nur durch das schöne Burgenörtchen Larochette. Doch viel davon sehe ich nicht, zu sehr konzentriere ich mich auf meine Linie, um anderen nicht in die Quere zu kommen. Über mir reißt der Himmel auf, die zu Beginn noch drohenden dunklen Wolken haben sich verzogen. Das Außenstehenden nicht zu vermittelnde Glücksgefühl, in einem Feld mit lauter schnurrenden Ketten mit 40 Sachen schier mühelos dahinzugleiten, stellt sich ein. Ich bin in meinem Element und genieße die Fahrt.

Rampe auf Rampe

Man spürt deutlich: der größte Teil des Adrenalins ist verbrannt, im Peloton geht es etwas gemütlicher zu. Da ist Zeit für einen kleinen Plausch von Rennradfahrer zu Rennradfahrer (Grüße an Burkhard Ehleringer aus Trier). Doch die Entspannung ist nicht von Dauer, denn es warten noch einige dieser tückischen Rampen wie die gefürchtete "Cote de Oberglabach": Aus einer schnellen Abfahrt geht es nach einer scharfen Rechtskurve unvermittelt mit mehr als 10 Prozent nach oben. Gut, wer (wie ich) die Kette rechtzeitig aufs kleine Blatt gelegt hat. Die anderen prügeln ihre Ketten irgendwie unter Volllast nach links, die ohrenquälende Geräuschkulisse inklusive. Doch auch meine Beine beginnen zu schmerzen. "It's only pain", habe ich auf einmal einen Spruch von Jens Voigt im Kopf. Dann ist ja gut, denke ich mir. Nach knapp 2 Kilometern ist auch dieses Hindernis überwunden, und ich habe sogar ein paar Plätze gutgemacht.

Mein persönlich Renn-Highlight folgt auf den letzten knapp 10 Kilometern, den flach am Grenzfluss Sauer entlang zurück nach Echternach führen: In einer prächtig harmonierenden Vierergruppe fahren wir regelmäßige Ablösungen und jagen in vergleichsweise hohem Tempo in Richtung Ziel. Jeder leistet seine Führungsarbeit, niemand lässt mich im Wind verhungern um mich anschließend abzuhängen. Ein Traum und noch eines dieser Glücksgefühle, die sich Außenstehenden schlicht nicht erschließen. Erst wenige Hundert Meter vor dem Ziel gibt es dann eine Attacke aus der Gruppe, ich jage hinterher doch kann die Lücke nicht mehr schließen. In der Ergebnisliste sehe ich: Es wäre um Platz 292 gegangen. Das kann ich verschmerzen...

Infos zum Rennen

Die Charly Gaul ist eine bei der Luxemburgischen Radsport-Förderation (FSCL) eingeschriebenes "Brevet Cyclosportif", es ist offen für alle Fahrer ab 14 Jahren und findet Anfang September statt. Es gibt immer zwei Strecken, ein A-Rennen über rund 160 km, ein B-Rennen über rund 100 Kilometer. Organisiert wird es vom ACC Contern, Austragungsort ist seit 2008 Echternach, direkt an der deutschen Grenze. Die Teilnahmegebühr beträgt bei Online-Einschreibungen 20 Euro, bei Anmeldungen vor Ort 25 Euro. Weitere Informationen im Internet unter www.lacharlygaul.lu

08.09.2015
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE