"Die Wut hat gewartet" - Interview mit John Degenkolb

John Degenkolb im Interview
Foto: Tim de Waele
Nach seinem schweren Unfall im Januar hat sich der deutsche Klassiker-Spezialist mühsam wieder in die Weltspitze zurückgekämpft. Im RB-Interview blickt er zurück auf seinen Kampf für das Comeback.

Der Zeigefinger ist immer noch seltsam eingedellt. Die Narben sind dunkel, fast schwarz. Die Folgen des schweren Unfalls im Januar, als eine Britin mit ihrem Wagen frontal in die Trainingsgruppe des Teams Giant-Alpecin fuhr, sind immer noch sichtbar. Der Radprofi John Degenkolb, dem dabei die Kuppe des linken Zeigefingers fast vollständig abriss, scheint jedoch wieder der Alte zu sein, als er sich am Vorabend der Eneco-Tour in einem Hotel in Leeuwarden in den Niederlanden mit RoadBIKE zum Interview trifft. Im August hat er beim Arctic Race of Norway eine Etappe gewonnen – sein erster Sieg seit dem Crash. Nun redet er über den schwierigen Weg zurück, ungeahnte Schmerzen und warum er 2017 zum Team Trek-Segafredo wechselt.

Herr Degenkolb, war 2016 ein gutes Jahr für Sie?
Naja, ob gut, weiß ich nicht. Der Unfall war ein gravierender Einschnitt in meine Karriere. Daher kann man sagen, dass es ein spezielles Jahr war, ein herausstechendes. In den Wochen nach dem Unfall, als das ganze Ausmaß zu erkennen war, wurde klar: Das wird ein sehr langer Weg. Als es mir dann teilweise so richtig schlecht ging, habe ich mir nicht träumen lassen, dass ich wieder Rennen gewinne und alles wieder so in Schwung kommt wie vorher.

Hat der Sieg beim Arctic Race of Norway Sie erleichtert?
Ja, auf jeden Fall! Ich habe persönlich nicht gedacht, dass es so schwer wird. Dass, wenn man so lange raus ist, die ganzen Abläufe nicht mehr so funktionieren. Man sieht das immer als ganz selbstverständlich an. Man fängt die Saison im Januar, Februar an, und alle beginnen auf einem niedrigeren Level als im Sommer. Ich bin dann quasi mit Verspätung in die Saison eingestiegen. Um da erst mal wieder ranzukommen … Da sprechen wir noch gar nicht davon, irgendwelche Erfolge einzufahren, sondern einfach mal wieder auf Augenhöhe mit den anderen zu sein. Es hat bis zur letzten Tour- Woche gedauert, bis ich wieder das Gefühl hatte: Okay, ich kann das jetzt abschießen hier.

Wie viel Kraft hat Sie das gekostet?
Das kostet enorme Energie. Es kostet so viel Willenskraft, am Ball zu bleiben, an sich selbst zu glauben. Die Leute, um einen herum sagen: „Warte, hab Geduld, du schaffst das, du musst ruhig bleiben, darfst nicht zu viel wollen, nicht zu früh anfangen.“ Dafür muss man offen sein.

Waren Sie verzweifelt?
So richtig verzweifelt nicht. Aber es gab Momente, die einfach schwierig waren. Man kann zwar wieder Rad fahren und alles funktioniert, aber mental ist man einfach total kaputt und weiß nicht, wie es weitergeht. Ob man überhaupt mal wieder auf so einen Level kommt, weil man so lange raus ist. Dann fährt man zur Dauphiné und ist eigentlich nur Mitfahrer. Da denkt man sich: Oah, scheiße! Jetzt geht es eigentlich schon Richtung Tour, in 2, 3 Wochen geht’s los, und es macht eigentlich gar keinen Sinn, dahin zu fahren. Man muss von vorne anfangen. Wenn es darum geht, einen Sprint vorzubereiten, wie man das einschätzt, wie man sein Team darauf vorbereitet. Das muss alles wieder ein bisschen in die Routine übergehen.

 

John Degenkolb im Interview
Foto: Tim de Waele Degenkolb bei der 12. Eneco-Tour im September 2016

Wann haben Sie gemerkt, das kommt zurück?
Eine Etappe bei der Dauphiné war motivierend. Ich glaube, Boasson Hagen hat gewonnen. Da haben wir es als Team endlich wieder auf die Reihe gebracht, aufeinander zu hören, zusammenzubleiben und einen richtigen Sprint anzufahren. Ich weiß gar nicht, was ich da geworden bin, gerade so Top 10 oder so. Aber man hat gesehen, es kommt wieder. Das erste Mal, dass ich dann gemerkt habe: Okay, ich kann wirklich wieder um den Sieg mitfahren, war in Bern. Wenn ich da bei 250 losfahre, ist vielleicht mehr drin als Platz 4.

Sie waren nach der Tour-Etappe in Bern sehr wütend …
Das war im Endeffekt die Wut, die sich über die ganze Zeit angestaut hatte. Die Wut hat genau auf diesen Moment gewartet. Die Wut kommt ja nicht raus, wenn man eh nichts gewinnt, dann bleibt die einfach drin. Die hat sich angestaut, bis es wieder um die Wurst ging. Darum, Rennen zu gewinnen. Das war ein positives Zeichen: Alles klar, er ist wieder zurück. Er ist wieder der Alte. Einfach so wie sonst auch, wenn ich es vergeigt habe.

Waren Sie immer schon so ehrgeizig?
Ich habe mich nie schwer damit getan, selbst Motivation zu finden, mich immer wieder zu pushen. Mein Vater war eigentlich immer der, der ganz oft die Bremse gezogen und gesagt hat: „Hey, langsam! Wir müssen aufpassen, dass wir noch Möglichkeiten haben, uns zu steigern.“ Ich bin unheimlich dankbar dafür, denn das bewahrt einem auch den Spaß an der Sache. Wenn man zu früh zu viel macht, hat man das Gefühl, dass einem die Luft abgeschnürt wird. Bei mir war es immer so, dass alles ganz frei und locker vonstatten gegangen ist.

Hat Ihnen das geholfen in der Zeit nach dem Unfall?
Schon auch, ja. Man konnte sich mal wieder auf das besinnen, was im normalen Betrieb halt immer zu kurz kommt: Dass man sich wirklich Zeit für seine Familie nimmt. Das gilt für meine Eltern, aber das gilt zum Beispiel auch für meinen Sohn. Die Tagesmutter hat neulich gesagt: „Sie können sich gar nicht vorstellen, Herr Degenkolb, wie gut das für die Vater-Sohn-Beziehung war, dass Sie so viel zu Hause waren.“ Der Unfall hat, was das angeht, wirklich auch was Gutes gebracht.

 

John Degenkolb im Interview
Foto: Tim de Waele Die Folgen des schweren Unfalls im Januar, als eine Britin mit ihrem Wagen frontal in die Trainingsgruppe des Teams Giant-Alpecin fuhr, sind immer noch sichtbar.

Denken Sie anders über das Leben nach als vor dem Unfall?
Die Risikokalkulation hat sich schon verändert. Gerade im Straßenverkehr. Ich konnte auch vorher nie verstehen, wenn mich ein Auto extrem eng geschnitten hat oder beim Überholen ganz eng vorbeigefahren ist. Wenn das jetzt einer macht und ich das Gefühl habe, der macht das absichtlich, werde ich unfassbar wütend. Da gibt es eigentlich kein Halten mehr, weil man jetzt weiß, was derjenige da gerade aufs Spiel setzt und man ziemlich sicher ist, dass der Typ das gerade nicht weiß. Aber so im Allgemeinen würde ich sagen, dass sich mein normales Leben nicht groß verändert hat. Natürlich bin ich jedes Mal dankbar, wenn ich wieder heil nach Hause komme. Aber dadurch, dass diese ganze Sache so wahnsinnig krass außergewöhnlich war, ist das mehr oder weniger abgehakt.

Haben Sie über den Tod nachgedacht?
Ja. Man denkt natürlich schon mal darüber nach, was gewesen wäre, wenn. Wenn ich weg gewesen wäre, was dann mit meiner Familie wäre, wie sich das für die anfühlen müsste. Das macht einem bewusst, was für saumäßiges Glück wir hatten.

Was macht Sie glücklich?
Wenn ich mit meinem Sohn ins Freibad gehen kann. Er ist jetzt schon alt genug, einfach ins Wasser zu springen und Spaß zu haben. Wenn er lächelt und fröhlich ist, das macht mich glücklich. Das gibt mir auch wieder Kraft für den Sport. Man ist dann wieder bereit, das Glück im Sport anzunehmen.

Haben Siege für Sie noch den gleichen Stellenwert?
Ich bin nach wie vor ein Wettkampftyp und fiebere wirklich auf Siege hin. Ich gebe auch vieles, vielleicht nicht alles, aber schon sehr, sehr viel, um dem Erfolg ein Stück näher zu kommen. Zu siegen fühlt sich genau so an wie vor dem Unfall. Das war auch schön zu sehen. Ich habe viel Energie, viel Zeit und viel Kraft in das Comeback gesteckt. Und es hätte ja auch sein können, dass man sagt: Okay, das gibt mir jetzt gar nichts mehr Gott sei Dank ist es so, dass es mir einfach genau das gibt, was es mir vor dem Unfall auch gegeben hat. Diese Euphorie, diese Glücksgefühle.

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Ridley Noah SL Lotto Belisol Andre Greipel Foto: Sebastian Hohlbaum
Ridley Noah SL Lotto Belisol Andre Greipel Foto: Sebastian Hohlbaum
Ridley Noah SL Lotto Belisol Andre Greipel Foto: Sebastian Hohlbaum

 

John Degenkolb im Interview
Foto: Tim de Waele Degenkolb siegt bei der 11. Münsterland Giro Anfang Oktober 2016

Sie haben befürchtet, Ihnen könnte durch den Unfall der „Killerinstinkt“ abhandengekommen sein. Warum?
Na ja, es hätte ja sein können, dass mein Unterbewusstsein eine Blockade reinschiebt und sagt: Okay, wir können jetzt gerne hier Radrennen mitfahren, aber mit dem Finale will ich nix zu tun haben. Aber im Finale geht es halt nicht ohne Risiko, ohne mal einen Ellenbogenschubser zu geben oder zu kassieren, sich irgendwo reinzudrücken, in Löcher reinzufahren, die nicht da sind. Ohne das kann man keine Rennen gewinnen. Deswegen bin ich froh, das nicht verloren zu haben. Obwohl ich von meinem Bikehandling eingeschränkt bin. Ich bin jetzt halt auf der linken Seite nur mit vier Fingern unterwegs.

Fotostrecke: John Degenkolb: Sein Giant TCR Advanced bei der Tour de France 2016

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John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum
John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum
John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum

Wie geht es dem Finger denn?
Er hat schon stark gelitten. Von Faustschluss können wir noch lange nicht sprechen. Wir machen jetzt nach der Saison das Metall raus, dann werden die Sehnen und Bänder noch mal abgezogen. Davon erhofft man sich auch einen Effekt, und dann muss halt weiter geübt werden. Das ist auch etwas, was mental so viel Kraft kostet. Da sagt man sich oft: Boah, ich hab keinen Bock mehr, dann bleibt der Finger halt so. Man muss sich selbst immer wieder in den Arsch treten, seine Übungen zu machen.

 

John Degenkolb im Interview
John Degenkolb über seine Verletzung

Haben Sie ein anderes Bewusstsein für Schmerzen?
Man hat das Limit schon ausgetestet. Ich habe Schmerzen erlebt, in die Bereiche bin ich vorher noch nicht eingedrungen. Wenn man nachts um 2 aufwacht und vor Schmerzen nicht mehr schlafen kann und echt starke Schmerz- und Betäubungsmittel zu sich nehmen muss, damit man überhaupt irgendwie klar kommt und nicht vor Schmerz an die Decke springt … Das war schon eine Scheißzeit. Die ganz großen Schmerzen sind ja nervlich bedingt, das kann man nicht so richtig beeinflussen. Da muss man halt durch. Die Hand ist nervlich immer noch nicht bei 100 Prozent. Auf der Streckseite, also oben, immer noch taub, so wie eingeschlafen, so ein pelziges Gefühl. Das kann über ein Jahr dauern, bis das zurückkommt.

Sie wechseln 2017 das Team. Hat der Unfall darauf Einfluss gehabt?
Vielleicht insofern, dass man noch mehr Zeit hatte, in Ruhe darüber nachzudenken. Es ist für mich richtig, jetzt den Schritt zu gehen. Ich meine, ich kann in einem anderen Team noch mehr aus meinem Potenzial rausholen. Ich würde nächstes Jahr gerne durchweg noch professioneller arbeiten. Wenn ich ein extra Trainingslager mache, dann will ich einen Physiotherapeuten und einen Trainer dabei haben. Das soll alles geregelt sein. Qualität hat ihren Preis. Wenn man nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, bekommt man nicht die Qualität, die möglich ist.

Fotostrecke: John Degenkolb: Sein Giant TCR Advanced bei der Tour de France 2016

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John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum
John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum
John Degenkolbs Tour de France-Renner 2016 Foto: Sebastian Hohlbaum

Das war bei Giant-Alpecin nicht möglich?
Ich will gar nichts Negatives über das Team sagen. Die Rennfahrer sind gewachsen. Und das Team ist halt in einer anderen Geschwindigkeit gewachsen als die Rennfahrer. Das ist vielleicht der Grund.

Ihr Management hat die Fairly Group übernommen. Warum verlassen Sie Jörg Werner?
Ich habe ja noch einen laufenden Vertrag mit der Teamspirit und die übernehmen im Moment auch noch Aufgaben für mich. Wir haben uns, das wird Jörg Werner auch bestätigen, überhaupt nicht verkracht. Ich weiß, was ich ihm zu verdanken habe. Aber jetzt sind wir eben an eine Kreuzung gekommen. Für mich ist das eine große Chance, mehr aus der Marke John Degenkolb zu machen.

Wofür steht die Marke John Degenkolb?
Das ist genau die Frage, die ich mir immer gestellt habe. Das werden wir jetzt herausfinden. Ich glaube, dass wir als Radsportler in Deutschland zu wenig aus dem rausholen, was wir haben. Wir haben coole Gesichter mit Marcel (Kittel, Anm. d. Red), mit mir. Ich denke, dass wir das Potenzial haben, groß aufzutreten. Im Moment läuft da noch zu wenig.

Neues Team, neues Management. Gewinnen Sie dadurch auch eine neue Freiheit?
Auf jeden Fall Frische! Es werden viele Dinge auf mich zukommen, die neu geregelt werden müssen. Das ist alles kein Selbstläufer, war es noch nie, aber ich glaube, dass es mir guttun wird, vor neue Aufgaben gestellt zu werden.

 

John Degenkolb Interview
Foto: Tim de Waele John Degenkolb, 27

+++ Zur Person +++

John Degenkolb, 27, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Radprofis. 2015 gewann er mit Mailand–San Remo und Paris–Roubaix zwei der wichtigsten Klassiker, die der Radsport kennt. Nach dem schweren Trainingsunfall im Januar kehrte er am 1. Mai bei seinem Heimrennen in Frankfurt a. M. ins Renngeschehen zurück. Im August gelang ihm beim Arctic Race of Norway sein 1. Saisonsieg. Im Oktober startet Degenkolb bei der WM in Katar.

15.11.2016
Autor: Michael Ostermann
© RoadBIKE
Ausgabe 11/2016