Campagnolo präsentiert Scheibenbremse

Foto: Campagnolo Campagnolo disc

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Gleich sechs Gruppen für Scheibenbremsen sollen ab Ende Mai 2017 erhältlich sein. Bei der Entwicklung seiner Disc Brake hat Campagnolo mit Magura kooperiert.

Als Letzter der drei großen Komponenten-Hersteller hat Campagnolo Scheibenbremsen für Rennräder vorgestellt. Nicht weniger als sechs Gruppen sollen ab Ende Mai 2017 auch als Disc-Versionen verfügbar sein: die Super Record, Record, Chorus und Potenza mit mechanischer Schaltung sowie die elektronischen Schaltgruppen Super Record EPS und Record EPS.

Alle Gruppen setzen auf die gleichen Bremssättel und -scheiben, die Campagnolo in Kooperation mit den schwäbischen Hydraulik- und Scheibenbrems-Experten von Magura entwickelt hat. Unterschiede zwischen den Gruppen ergeben sich durch die Antriebskomponenten, Schalt-Bremsgriffe und Kurbeln.

Bei der Präsentation der Produkte auf Gran Canaria versprach Campagnolo, die eigene Disc Brake verzögere bei Nässe bis zu 26, bei Trockenheit bis zu 55 Prozent schneller als die Konkurrenz - bei geringerer Handkraft, bester Dosierbarkeit, größerer Hitzebeständigkeit und minimaler Geräuschentwicklung. Alle vorgestellten Disc-Komponenten sind sowohl für Straßenrennräder, als auch für Cyclocross- und Gravelbikes zugelassen.

Italienisch-schwäbische Bremsen

Die Bremssättel aus Aluminium kommen in dezentem schwarz und im Flat-Mount-Standard. Befestigt werden sie ohne Adapter direkt mit zwei Stahlschrauben, die in sechs unterschiedlichen Längen verfügbar sind und die Campagnolo-Disc mit allen am Markt erhältlichen Rahmenformen kompatibel machen soll. Der Bremssattel für das Vorderrad ist ausschließlich für 160 mm Bremsscheiben ausgelegt, am Hinterrad stehen zwei Bremssättel für 140er und 160er Scheiben zur Auswahl.

Die Bremsbeläge basieren auf einer organischen Harzmischung und sitzen auf Trägerplatten aus Stahl. Beide Teile - Beläge und Trägerplatten - hat sich Campagnolo patentieren lassen. Optische und akustische Verschleißindikatoren melden, wenn die Beläge getauscht werden müssen. Campagnolo verspricht, das "leiseste und weichste (smoothest)" Scheibenbremssystem auf dem Markt. Einzelgewichte für die Bremssättel nannte Campagnolo nicht.

Die Stahlscheiben werden mittels Schrauben auf einem Aluminium-Spider befestigt, dieser sitzt wiederum mit Center-Lock-Standard auf der Nabe des Laufrads. Die Kanten der Bremsscheiben sind abgerundet. Die 140er Scheibe soll 98 Gramm, die 160er 120 Gramm wiegen.

Drei Ergopower-Versionen

Angesteuert werden die Scheibenbremsen von Campagnolo über Schalt-Bremsgriffe (Ergopower), die in drei unterschiedlichen Versionen verfügbar sind. Bei den mechanischen Top-Gruppen Super Record, Record und Chorus sind die Bremshebel aus Carbon, mit dem Daumenschalthebel lassen sich campa-typisch in einem Schaltvorgang bis zu fünf Gänge "schwerer" schalten. Auch bei den elektronischen Schaltgruppen Super Record EPS und Record EPS sind die Bremshebel aus Carbon, Form und Funktion der Schalttasten sind unverändert zur Felgenbrems-Version. Die Ergopower der Potenza Disc kommen mit Alu-Bremshebel, hier schaltet der nach unten verlängerte, an die EPS erinnernde Daumenschalthebel "nur" in einzelnen Schritten in "dickere" Gänge.

Alle drei Ergopower-Versionen können individuell eingestellt werden. An einer Schraube an der Innenseite des Griffkörpers lassen sich mittels Inbusschlüssel der Druckpunkt und die Bremskraft variieren. Bei der Einstellung S (= Short) setzt die Bremskraft früher ein und ist stärker, bei L (= Long) wandert der Druckpunkt Richtung Lenker, die Bremsleistung ist weniger aggressiv. Auch die Griffweite lässt sich einstellen: In kleinen Löchern in Bremshebel und den dahinter liegenden Schalthebel sitzen Inbusschrauben, anhand derer der Abstand der verschiedenen Hebel zum Lenker variiert und die Ergopower so an die eigene Handgröße angepasst werden können. Brems- und Schalthebel sind zudem leicht nach außen gestellt, was die Erreichbarkeit in Unterlenkerhaltung verbessern soll.

Ebenfalls identisch ist bei allen drei Ergopower-Versionen die Ergonomie, die sich nur unwesentlich von jener der Felgenbrems-Griffe unterscheiden soll. Auffälligste Neuerung: Durch den Hydraulikzylinder sind die Disc-Ergopower 8 mm höher geworden.

H 11-Komponenten

Da Disc-Rahmen häufig asymmetrisch gebaut sind, benötigen sie, so Campagnolo, auch spezielle Kurbeln. Diese sollen den gleichen Q-Faktor ermöglichen wie bei symmetrisch gebauten Felgenbrems-Rahmen. Zwei verschiedene Kurbel-Versionen für seine Disc-Gruppen hat Campagnolo im Programm: die Potenza-Version aus Aluminium (801 g) und eine Carbon-Kurbel (628 g) für die restlichen elektronischen und mechanischen Scheibenbrems-Gruppen. Die gruppenübergreifenden Teile nennt Campagnolo H 11.

Gewichte der Disc-Gruppen laut Campagnolo

Gruppe Gewicht Preis
Super Record EPS Disc 2355 g 4396 Euro
Super Record Disc 2228 g 2878 Euro
Record EPS Disc 2390 g 4063 Euro
Record Disc 2260 g 2632 Euro
Chorus Disc 2319 g 2343 Euro
Potenza Disc 2613 g 1580 Euro

Erster Fahreindruck

Bei einer Ausfahrt auf Gran Canaria konnte RoadBIKE die Campagnolo-Disc bereits ausprobieren. Die Hebel greifen sich sehr gut, ein Unterschied zur hervorragenden Ergonomie der Felgenbrems-Ergopowern ist kaum spürbar. Durch den nach oben gewachsenen Höcker ergibt sich zudem eine zusätzliche Griffposition.

An das Bremsverhalten der Campagnolo-Disc hat man sich sehr schnell gewöhnt. Die Bremskraft ist hoch in Einstellung S (= Short), aber vorhersehbar und sehr gut dosierbar. Schon nach wenigen Testbremsungen hat man sich eingewöhnt und schätzt die starke Verzögerung. Einstellung L (= Long) ist gutmütiger und für Neulinge zunächst vermutlich die bessere Wahl.

Auf der schmalen und sehr kurvenreichen Abfahrt von der Straße zum Pico de las Nieves hinab nach Puerto Mogán auf Gran Canaria gefiel die Campagnolo-Disc: Egal, ob spätes hartes Anbremsen vor der Kurve oder häufigeres, vorausschauendes Bremsen, die Anlage machte alles mit, vermittelte viel Sicherheit und gab nicht mehr als minimal sirrende Geräusche von sich. Auch abruptere Bremsmanöver ließen sich kontrolliert durchführen, zu hohe Geschwindigkeit am Kurveneingang ließ sich ohne Verlassen der Fahrlinie auffangen.

Erstes Fazit

Campagnolo hat sich mit seiner ersten Scheibenbremse Zeit gelassen, die Konkurrenz scheint enteilt. Doch die nun präsentierte Lösung lässt aufhorchen. Sollte Campagnolo den angekündigten Verkaufsstart Ende Mai 2017 einhalten können, wäre die Disc der Italiener sogar früher am Markt verfügbar als die bereits länger angekündigte Shimano Dura Ace Disc - die erste gruppenspezifische Rennrad-Scheibenbremse der Japaner. RoadBIKE wird zeitnah alle aktuellen Disc Brakes einem großen Vergleichstest in Labor und Praxis unterziehen.

09.05.2017
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE