Jan Ullrichs Statement zum Doping-Urteil des CAS: "Hatte Kontakte zu Fuentes" - plus Kommentar

Am 9. Februar hat der Internationale Sportgerichtshof CAS Jan Ullrich wegen Dopings schuldig gesprochen. Wir veröffentlichen Ullrichs Erklärung zum Urteil im Wortlaut. Plus: Kommentar von RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele

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Jan Ullrich schreibt: "Das Sportschiedsgericht hat mich nun für zwei Jahre gesperrt. Dieser Schiedsspruch bringt ein Disziplinarverfahren zu Ende, das beinahe drei Jahre gedauert hat. Dieses sportrechtliche Tauziehen war für alle Beteiligten unbefriedigend, für mich selbst wie für die Öffentlichkeit. Es ist für mich unverständlich, warum wir alle so lange auf dieses Urteil warten mussten.

Ich nehme den Schiedsspruch hin und werde ihn nicht anfechten. Nicht, weil ich mit allen Punkten in der Urteilsbegründung übereinstimme, sondern, weil ich das Thema endgültig beenden möchte. Persönliche Konsequenzen habe ich ja bereits 2007 mit dem Rücktritt vom Profiradsport gezogen. Ich bestätige, dass ich Kontakt zu Fuentes hatte. Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen – es tut mir sehr leid. Rückblickend würde ich in einigen Situationen während meiner Karriere anders handeln.

Nicht nur als Fahrer war der äußere Druck immer immens auf mich. Mit dem Sieg bei der Tour 1997 stand ich blitzartig im Fokus der Öffentlichkeit. Alle erwarten Siege von mir, der zweite Platz reicht für die Öffentlichkeit nicht mehr. Der zweite Platz ist der erste Verlierer. Ich erreichte fünf Mal als Zweiter das Ziel in Paris. Aber Zweiter bei der Tour, ist eine gewaltige Leistung und man muss sich von Leuten, die noch nie auf einem Rennrad gesessen haben, dafür verteidigen, dass man nicht gewonnen hat. Erstrecht als mein übermächtiger Gegner Lance Armstrong seine Karriere beendete, spürte ich die Erwartungshaltung noch stärker. Es wird gesagt, wir haben jetzt das beste Team, das wir teuer eingekauft haben, wir können gar nicht mehr verlieren. Der Kapitän war ich, ich hatte die Tour schon mal gewonnen, also war klar, wer der Adressat dieser Vorgabe war: Jan Ullrich. Der Eigendruck wird dadurch deutlich größer, weil man die Erwartungshaltung ja deutlich mitkriegt.

Die letzten fünf Jahre waren für mich und meine Familie eine sehr schwierige Zeit. Man muss sich vielleicht noch einmal kurz in mich hineinversetzen. Es ist kurz vor Beginn der Tour de France 2006. Ich bin kurz davor, den größten Erfolg meines Lebens noch einmal zu bestätigen. Der zweite Tour-Sieg, nichts anderes war mein Ziel. Und plötzlich macht es einen Schlag und von einer Sekunde auf die andere wird man rausgenommen. Mein Team hat mich suspendiert. Ich will nicht wahr haben, dass andere weiterfahren dürfen und ich nicht. Stattdessen übernehmen Anwälte mit ihrem Juristendeutsch das Kommando, die ganze Maschinerie läuft an: Suspendierung, Schlagzeilen, Ächtung, Hausdurchsuchungen, Strafverfahren, Klagen.

Ich fühlte mich alleingelassen, wie durch einen Sieb gefallen. Die ganze Welt wollte mich an die Mauer stellen und dann bin ich instinktiv in Deckung gegangen, habe mich erst mal zurückgezogen. Wie gesagt: Ich will mich nicht beklagen, das alles kam nicht ohne Grund. Auf Anraten meiner Anwälte und wie es in solchen Fällen üblich ist, habe ich zu den Vorwürfen geschwiegen. Kein erfahrener Anwalt würde ein solches Mandat annehmen, wenn sich der Mandant währen des laufenden Verfahrens in der Öffentlichkeit zum Verfahrensgegenstand äußert.

Natürlich kann ich verstehen, warum die Medien und somit die Öffentlichkeit sich so radikal gegen mich gewendet haben, weil ich mich nicht geäußert habe. Letztendlich habe ich dieses Thema über Jahre in mich hineingefressen, so lange bis ich krank wurde und irgendwann zusammengebrochen bin. Ich wollte schon damals, kurz nach meiner Suspendierung den Fehler, den ich gemacht habe, öffentlich eingestehen. Aber mir waren die Hände gebunden.

Ich habe mit 9 Jahren angefangen Rad zu fahren. Mit dem ersten Profivertrag wird es harte Arbeit. Du sitzt jeden Tag fünf, sechs Stunden Im Sattel. Ob du willst oder nicht, ob es regnet oder schneit, ob du Liebeskummer hast oder nicht. 40.000 Kilometer im Jahr. Genuss, normales Leben, Familie kommt so am Rande vor. Wenn ich über das Jahr über so viel Leistung bringen sollte, dann musste ich mir im Winter eine Elefantenhaut zulegen, so dass der ganze Druck und die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an mir abprallen konnte.

Ich brauchte meine Pausen, weil ich absolut leer war. Ich brauchte die paar Kilos mehr, um die neue Saison durch zu halten. Auch wenn es immer schwer war, sie wieder loszubekommen. Ich wäre sicherlich schlechter Rad gefahren, wenn ich auch noch im Winter asketisch gelebt hätte. Ich brauchte drei Wochen Urlaub mit der Familie, in denen ich das Rad nicht angefasst habe, wo ich abends auch mal eine Flasche Wein trinke oder eine Zigarette rauche. Das brauchte ich, um den Kopf frei zu haben für die harte Saison.

Ich bin froh, dass endlich ein Urteil gefällt wurde. Für mich ist damit das Kapital meiner aktiven Radsportkarriere endgültig abgeschlossen und ganz persönlich ist es für mich und meine Familie das Ende einer über Jahre hinweg schwierigen Zeit. Der heutige Schiedsspruch kann für mich und meine Zukunftspläne nichts mehr ändern. Ich habe nie daran gedacht, in irgendeiner Funktion wieder in den aktiven Profiradsport zurückzukehren. Mit dieser Erklärung ist von meiner Seite alles gesagt und zu diesem Thema möchte ich keine weiteren Statements, Stellungnahmen oder Interviews in der Öffentlichkeit abgeben. Dafür bitte ich um Verständnis. Ich möchte endlich einen Schlussstrich ziehen.

Ich wurde in Deutschland auf den „Olymp“ hochgehoben, danach war klar, wenn der Absturz kommt, dann falle ich tief. Diese Art der Verehrung wollte ich nie, so eine Popularität hat mich nie interessiert, sie hat mir eher Angst gemacht. Aber wenn meine Söhne Max und Benno, Radrennfahrer werden wollen, würde ich mich sehr freuen und sie total unterstützen. Es ist ein wahnsinnig schöner Sport. Ich liebe Radfahren über alles und dieser Sport war mein Leben. Es tut mir weiter gut auf dem Rad unterwegs zu sein. Ich werde mich stets für diese Sportart einsetzen und immer versuchen, diese Freude und Leidenschaft an andere Menschen zu vermitteln. Ich habe dem Radsport sehr viel zu verdanken und das möchte ich zurückgeben.

In Zukunft werde ich deshalb auch in verschiedenen Funktionen und Bereichen im Jedermann-Radsport tätig sein. Dass Andere mich in dieser Rolle ebenfalls gerne sehen, bestätigen nicht nur meine neuen Partnerschaften. Für meinen Fehler, den ich sehr bereue, möchte ich mich nochmals bei allen Radsportfans entschuldigen. Es tut mir wahnsinnig leid. Nichtsdestotrotz kann ich auf meine Radsport-Karriere und Erfolge mit großem Stolz zurückblicken und freue mich auf meine Zukunft.

"Endlich!" - Kommentar des RoadBIKE-Chefredakteurs Jens Vögele:

Endlich! Der Fall Jan Ullrich kann nach fast sechs in jeglicher Hinsicht entsetzenden Jahren zu den Akten gelegt werden. Das Urteil: Überfällig. Das Geständnis: Erst recht! Der Neuheitengehalt: gleich Null. Vor dem Internationalen Sportgerichtshof kam nicht mehr heraus als ohnehin schon belegt war. Und Ullrich hat in seiner Erklärung ebenfalls lediglich genau das zugegeben. Mehr nicht. Zu wenig? Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass die Wahrheit über das, was von 1996 bis 2006 als Märchen in Magenta die Massen verrückt machte, nie ganz ans Licht kommen wird. Eines aber ist klar: das System Radsport, in dem bislang nahezu jedem großen Champion Doping nachgewiesen werden konnte, hat sich längst selbst ad absurdum geführt. Nichts belegt dies mehr als Ullrichs eigene Aussage, er habe niemanden betrogen. Was so viel heißt wie: Alle haben das gleiche gemacht. Als die Bombe 2006 endgültig platzte, hätte es die Chance gegeben, tabula rasa zu machen. Wenn alle, die das gleiche gemacht haben, an einem Strick gezogen hätten. Diese Chance ist aber ein für allemal vorbei. Anstatt Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, wurschtelt der Rennzirkus weiterhin planlos vor sich hin. Immer wieder gibt’s neue Dopingfälle, immer wieder absurde – vor allem absurd späte – Urteile und Sperren, die lediglich die Sportler treffen, während die Funktionäre und Hintermänner so weitermachen als wäre nie etwas geschehen. Die Folge davon ist, dass sich das Thema Doping in der Öffentlichkeit noch immer nahezu ausschließlich auf den Radsport fokussiert, obwohl klar ist, dass in anderen Sportarten genauso beschissen wird. Jan Ullrich jedenfalls hat seine größte Strafe längst erhalten. Er hat seine Karriere beenden müssen, sein Ansehen in der Öffentlichkeit hat massiv gelitten. Ist das Urteil also hart genug? Und geht das Geständnis weit genug? Diskussionen darüber bringen spätestens jetzt keine neuen Erkenntnisse mehr. Und Jan Ullrich hat spätestens jetzt auch ein Recht darauf, mit dieser Vergangenheit abzuschließen. Genauso wie Erik Zabel oder Rolf Aldag und die vielen anderen, die längst wieder rehabilitiert sind, hat er eine zweite Chance verdient. Seine vielen Fans, die ihm noch immer zujubeln, wann immer er sich in der Öffentlichkeit blicken lässt, erwarten dies schon lange. Und seine Kritiker sollten das gleiche tun wie der Internationale Sportgerichtshof. Den Fall Jan Ullrich zu den Akten zu legen. Endlich!

Das CAS-Urteil zu Jan Ullrich


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10.02.2012
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