Vor- und Nachteile breiter Rennradeifen

Know-how: Was bringt Breite bei Rennradreifen?

Rennrad Reifen breite
Foto: Benjamin Hahn
Rennrad-Reifen werden immer breiter. Welche Vor- und Nachteile birgt diese Entwicklung? RoadBIKE vergleicht die Messwerte aktueller Top-Modelle und diskutiert das Für und Wider breiter Reifen.

„Ein Rennrad steht auf 23 mm breiten Reifen.“ Noch vor wenigen Jahren galt das als unumstößliche Regel, die kein Radsportler ernsthaft in Zweifel gezogen hätte. 2016 ist die (Rennrad-Reifen-)Welt nicht mehr ganz überschaubar, neue Varianten machen sich – im Wortsinn – zunehmend breit.

Zwar sind die „guten, alten“ 23-mm-Reifen für viele immer noch das Maß der Dinge. Doch 25 mm breite Pneus erfreuen sich wachsender Beliebtheit, und auch das Gros der verkauften Neuräder setzt inzwischen auf dieses Format. Im beliebten Segment der komfortorientierten Touren-Renner sind auch 28 mm breite Reifen längst keine Seltenheit mehr.

Um das Für und Wider breiter Reifen zu ergründen, hat RoadBIKE im Rahmen dieses Reifentests auch unterschiedliche Breiten untersucht. Mit Continental, Mavic, Schwalbe und Vittoria bieten immerhin 4 von 7 Herstellern ihr Top-Modell nicht nur in 23 und 25, sondern auch in 28 mm Breite an. Von Hutchinson, Michelin und Specialized gibt es 28er (und breitere Pneus) bislang „nur“ bei speziellen Modellen.

Breit und schnell

RoadBIKE führte 2 Messreihen durch: Um direkte Vergleichswerte zu erhalten, wurden einmal alle Reifen in allen Breiten mit einheitlichen 8 Bar Luftdruck gemessen. Da breitere Reifen aber tendenziell mit weniger Druck gefahren werden, wurden weitere Messungen mit „realistischem“ Luftdruck durchgeführt (7,5 Bar bei 25 mm Breite, 6,5 Bar bei 28 mm Breite).

Die Messergebnisse belegen eindeutig: Breite Reifen rollen besser! Die Modelle aller Hersteller erreichen mit beiden Druckwerten in der 25-mm-Variante geringere Rollwiderstandswerte als die schmaleren 23er.

Nicht ganz so eindeutig ist der Befund, wenn man auf 28 Millimeter geht: Die Top-Modelle von Mavic (Mavic Yksion Pro) und Schwalbe (Schwalbe One) rollen auch als 28er bei jedem Luftdruck nochmals schneller als die 25er. Der Testsieger von Contintental (Continental Grand Prix 4000 S II) dagegen ist bei realistischem Luftdruck zwar schneller als in 23er-Version, der 25er rollt aber noch etwas leichter. Nur bei Vittoria (Vittoria Corsa G+) ist der mit 6,5 Bar befüllte 28er-Reifen langsamer als der 23er.

Die Erklärung für die besseren Rollwiderstandswerte breiterer Reifen: Aufgrund ihres größeren Volumens liegen sie – bei gleicher Aufstandsfläche – sprichwörtlich runder auf der Straße. Bei schmalen Reifen ist die Aufstandsfläche im Verhältnis deutlich länger als breit, beim Abrollen verformt sich der Reifen so stärker und walkt mehr – was sich negativ auf den Rollwiderstand auswirkt.

Fotostrecke: Rennrad-Reifen: 7 Top-Modelle im RoadBIKE-Test

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RoadBIKE Continental Grand Prix 4000 S II Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Continental Grand Prix 4000 S II Praxisbewertung Foto: RoadBIKE
RoadBIKE Hutchinson Fusion 5 Galactik Foto: Benjamin Hahn

Pro und Contra breite Reifen

Weitergedacht bedeutet das: Breitere Reifen rollen nicht nur leichter ab, sie fahren sich auch komfortabler, da der Reifendruck bei unvermindert gutem (oder geringerem) Rollwiderstand abgesenkt werden kann. Der breite Reifen schluckt Unebenheiten der Fahrbahn so spürbar effektiver als ein prall gefüllter, schmaler Pneu. Insbesondere auf schlechtem Untergrund oder auf langen Touren bieten breite Reifen so klare Vorteile, da sie den Fahrer entlasten. Beliebig absenken lässt sich der Luftdruck jedoch nicht, ab einem bestimmten Punkt steigt der Rollwiderstand wieder an. Wo genau diese Grenze liegt, ist je nach Hersteller sowie modellabhängig unterschiedlich.

Ein weiteres Argument für breite Reifen ist der höhere Pannenschutz. Beim Durchschlagstest etwa überprüfte RoadBIKE stichprobenartig bei einigen Herstellern die Werte in unterschiedlichen Breiten. Eindeutig das Ergebnis: In allen Fällen war das Durchschlagsrisiko mit breiteren Reifen deutlich geringer.

Sind breite Schlappen also grundsätzlich die bessere Lösung? Nicht immer, denn die Breite bringt auch Nachteile mit sich: Fettere Pneus sind schwerer, beschleunigen träger, sie lenken etwas behäbiger ein, und ihre größere Stirnfläche erhöht den Luftwiderstand. Praktische Probleme ergeben sich daraus, dass breite Reifen nicht durch jede Bremse, jeden Rahmen und jede Gabel passen. Und last, but not least sind breite Reifen am Rennrad auch optisch einfach nicht jedermanns Sache.

Deshalb gilt: Die Wahl der richtigen Reifenbreite hängt vom Einsatzzweck, Einsatzort, Fahrertyp und persönlichen Vorlieben ab.

Welche Breite für Wen?

  • Der Rennfahrer
    Sie achten auf jedes Gramm, mögen ein agiles, sportliches Handling und finden, ein Rennrad verdient nur dann diesen Namen, wenn es auch auf schmalen Reifen steht? Dann sind 23er-Pneus für Sie die richtigen.
  • Der Allrounder
    Sie mögen es etwas komfortabler, fahren gerne und viel, sind bei Jedermann-Rennen und Radmarathons aber auch mal schneller unterwegs? Dann sind 25er-Reifen für Sie der goldene Mittelweg.
  • Der Tourer
    Trägeres Lenkverhalten, geringes Mehrgewicht und aerodynamische Nachteile machen Ihnen nichts aus? Hauptsache, Komfort und Pannenschutz passen, auch auf schlechter Strecke? Dann sind 28er die beste Wahl.

 

RoadBIKE 1116 Reifen-Test Reifendruck Continental Grand Prix 4000 S II
Foto: RoadBIKE Reifendruck beim Continental Grand Prix 4000 S II: 8 Bar versus realistischer Reifendruck.

Breit ist schneller

RoadBIKE hat für alle Testkandidaten zwei Messreihen in allen Breiten durchgeführt: Zunächst mit 8 Bar, um direkte Vergleichswerte zu erhalten, dann mit dem Reifendruck, der idealerweise im Alltag gefahren wird.

Der Testsieger Continental Grand Prix 4000 S II zeigt stellvertretend: Bei einheitlich 8 Bar Reifendruck sinkt der Rollwiderstand, je breiter der Reifen wird. Bei Continental rollt auch bei realistischen Luftdrücken der komfortable 28 mm Reifen schneller als der schmale 23er, am schnellsten ist jedoch der 25er.

Das klare Ergebnis: Breite Reifen rollen leichter.

 

RoadBIKE 1116 Reifen-Test Reifendruck Fahrergewicht
Foto: RoadBIKE Empfohlener Luftdruck je Reifenbreite in Abhängigkeit des Körpergewichts.

Wie viel Druck?

Welcher Reifendruck für welches Fahrergewicht? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab: Einsatzzweck, Ausrüstung, Vorlieben. Orientierung bieten die Tabellen rechts und die Faustformel: „Je nach Untergrund ein halbes Bar mehr oder weniger.“

Breiten-Know-how

1. Genug Platz vorhanden?
Breite Reifen benötigen mehr Platz. Überprüfen Sie, ob Gabelkrone, Sitz- und Kettenstreben sowie bei Felgenbremsen die Gelenkarme der Bremsen und der Bremssteg genug Raum lassen. Beachten Sie, dass sich Reifen mit fortschreitender Nutzung etwas weiten. Was ursprünglich gerade so passt, kann dann zu knapp sein!

2. Andere Schläuche
28 Millimeter breite Reifen verlangen andere Schläuche als schmalere Pneus. Wenn Sie mehrere Räder oder unterschiedliche Laufräder nutzen und im Schadensfall nicht flicken möchten, prüfen Sie vor der Abfahrt, ob das Satteltäschchen mit passenden Ersatzschläuchen bestückt ist.

3. Passende Verbindung
Auch Felgen werden immer breiter. Einige Hersteller geben ihre neuen Modelle erst ab 25 Millimeter Reifenbreite frei. Wenn Sie auf eine breite Felge einen zu schmalen Reifen montieren, baut er flach und „unrund“. Im Spalt zwischen Felgenhorn und Reifen kann sich Schmutz sammeln, Defekte oder Materialverschleiß die Folge sein.

Alle Breiten, alle Werte

In der folgenden Tabelle finden Sie auf einen Blick alle Messwerte und können direkt vergleichen. Plus: Die Werte für den Durchschlagstest in 25 mm Breite.

 

RoadBIKE 1116 Reifen-Test Tabelle Messwerte
Foto: RoadBIKE

Fotostrecke: Rennrad-Reifen: 7 Top-Modelle im RoadBIKE-Test

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RoadBIKE Continental Grand Prix 4000 S II Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Continental Grand Prix 4000 S II Praxisbewertung Foto: RoadBIKE
RoadBIKE Hutchinson Fusion 5 Galactik Foto: Benjamin Hahn
26.11.2016
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE
Ausgabe 11/2016